Kurzinfo
- Zeit: November 2023
- Ort: Banyuwangi, Indonesien
Anreise nach Banyuwangi
Letztlich hat mich die Anreise nach Banyuwangi keine Sekunde gekostet. Auch wenn man von Bali hierher eine gute Stunde unterwegs ist, wechselt man eine Zeitzone und kommt zur selben Zeit an, zu der man losgefahren ist. Mein Tag wird lang werden, und so noch mal ein bisschen länger. Es ist spät am Abend, aber der Fährhafen von Ketapang ist gut besucht. Mit mir auf dem Schiff waren viele Einheimische, hauptsächlich Männer, die aussahen, als kämen sie nach einem langen Tag von der Arbeit auf Bali zurück. Es wurde nicht viel gesprochen, die Leute standen vor allem an der Reling und rauchten oder lagen auf den großen Matratzenlagern im Inneren der Fähre und schauten Videos auf ihren Smartphones. Touristen habe ich kaum gesehen.
Ich warte vor einem kleinen Supermarkt auf Fariz. Er ist der Host meines AirBnb in Banyuwangi, und holt mich netterweise von der Fähre ab. Um diese Zeit hätte mich sonst nur ein Taxi and Ziel bringen können.
Der Ijen
Doch wohin soll es überhaupt gehen? Indonesien ist eine seismisch sehr aktive Gegend, und große Vulkanausbrüche sind hier nichts Seltenes. Auch im Osten Javas findet man einige beeindruckende Vulkane, einer von ihnen ist der Mount Ijen. Er wird manchmal als das “größte Säurefass der Welt” bezeichnet, da sich in seinem Krater ein Vulkansee befindet, dessen Säure ihm eine tief türkisblaue Farbe verleiht.
Eine weitere Besonderheit ist das “blaue Feuer”: Schwefeldämpfe entzünden sich an der Erdoberfläche und fließen als blaue Flammen in den Krater. Ein solches Phänomen ist nur bei wenigen Vulkanen dieser Erde zu beobachten. Und genau dorthin führt mich meine nächtliche Tour von Banyuwangi. Das Feuer ist bei Tageslicht nicht sehr gut zu erkennen, weswegen viele Besucher in der Dunkelheit den Vulkan erklimmen, um das Naturschauspiel in voller Pracht beobachten zu können. Auch ich werde diese Nacht wohl nicht allzu viel Schlaf bekommen.
Aufbruch zur Tour
Im Airbnb angekommen, habe ich noch eine gute Stunde, bis es los geht. Die nutze ich, um mich noch mal kurz hinzulegen. Kurz vor Mitternacht klingelt mich mein Wecker wach. Bei Fariz und seiner Familie, die direkt gegenüber meines Zimmers wohnen, ist es dunkel und still. Eine seltsame Zeit lang sitze ich auf einem einsamen Gartenstuhl vor dem Haus und warte auf den Kleinbus, der mich abholen soll. Ich lausche den faszinierenden und gruseligen Klängen der Nacht, bis ich nach einer Dreiviertelstunde endlich ein Motorengeräusch wahrnehme, das vor meiner Unterkunft verstummt. Der Fahrer entschuldigt sich für eine Verspätung, ich winke ab und steige ein. Ein paar andere dunkle Gestalten sitzen schon drin, alle schlafen, es riecht muffig. Auch ich bin durch das Schaukeln der Fahrt schnell eingenickt.
Als ich vom Schlagen der Schiebetür aufwache, sind wir auf einem Parkplatz mit vielen anderen Vans, es herrscht reges Treiben. Wir steigen aus, versammeln uns um einen Mann, der sich als unser Guide vorstellt. Wie so oft in Asien wandert man hier nicht einfach so den Berg hinauf, sondern das Naturerlebnis ist eine gemeinsame Veranstaltung, die man geordnet in Gruppen angeht. In ziemlich vielen Gruppen, muss ich feststellen, denn um uns herum sind dutzende weitere geführte Touren. Wir bekommen noch Gasmasken, Stirnlampen und, wer will, Wanderstöcke verpasst, und los geht es. In einer unübersehbaren leuchtenden Raupe geht es den Berg hinauf.
Aufstieg
Wie so oft frage ich mich, warum ich eigentlich eine Tour gebucht habe. Der Weg nach oben ist dank der Massen an Wanderern eigentlich nicht zu verfehlen, dazu ist es ein breiter, gekiester Weg, der einem Freizeitalpinisten in den Voralpen kaum ein müdes Lächeln entlocken würde. Die Umgebung ist kaum zu erkennen, einerseits wegen der Dunkelheit und andererseits wegen der hunderten von Stirnlampen, die diesen Kreuzzug auf den Ijen beleuchten. Die Leute quatschen munter und haben gute Laune, einige Lauffaule machen es sich in ihrem “Lamborghini” bequem. So nennen die Einheimischen hier die kleinen selbstgebauten Handkarren, in denen man sich gegen ein kleines Entgeld den Berg hinaufbefördern lassen kann. Für meinen europäischen Geschmack hat das Alles hier natürlich nicht viel mit Bergwandern zu tun. Aber ich bin nicht auf meiner ersten Tour in Asien, und alle haben gute Laune, also hey, warum es nicht genießen?
Die Tour geht nicht allzu lange, nach gut zwei Stunden kommen wir dem Krater näher. Immer intensiver ist auch der Geruch nach Schwefel, der alles einhüllt und die Wanderung zu einem wahrhaft atemberaubenden Erlebnis macht. Einige Besucher haben bereits ihre Gasmasken aufgesetzt, ich atme lieber noch so frei, wie es eben geht. Am Horizont machen sich mittlerweile helle Streifen bemerkbar, was bedeutet, dass wir nicht allzu sehr trödeln sollten, wenn wir das blaue Feuer nicht verpassen wollen. Die große Gruppe kommt bedeutend langsamer voran, als ich es allein täte.
Doch schließlich haben wir den Kraterrand erreicht. Ruhig liegt der Schwefelsee im Vulkan da, steile dunkle Felswände rahmen das auch im Halbdunkel tiefblaue Wasser ein. Graue Wolken steigen ruhig auf in den mit rot leuchtenden Streifen durchsetzten Himmel. Zwischen den Nebelschwaden, die Schwefeldämpfe sein könnten, leuchten helle Punkte in der Dunkelheit, entweder Handykameras oder vielleicht das berühmte blaue Feuer? Man kann es nicht so richtig erkennen. Wenn man den Trubel um mich herum ausblendet, ist es ein nahezu gespenstisch ruhiger Anblick. Der Schwefelgeruch ist nun so intensiv, dass er mir fast die Augen tränen lässt. So setze auch ich brav meine Atemschutzmaske auf. Zwischen Stirnlampe, Brille und der Maske bleibt fast kein Stück meines Gesichts unbedeckt, und ich fange bald an zu schwitzen, als wir uns auf den Weg hinab ins Tal machen, wo der Vulkansee und das Feuer auf uns warten. Der Pfad ist steil, und durch meine eingeschränkte Sicht, die Dunkelheit und den Andrang muss ich sehr aufpassen, nicht im losen Geröll abzurutschen. Dieser Teil ist deutlich herausfordernder als der Weg hier hoch.
Unterwegs komme ich an einigen Männern vorbei, die helles Schwefelgestein aus dem Berg klopfen. Auf dem Weg hier hoch habe ich immer wieder Paletten und Haufen damit wahrgenommen. Die Einheimischen verdienen sich mit dem Abbau und Verkauf, zum Beispiel an die chemische Industrie, ihren Lebensunterhalt. Es sind dieselben Männer, die die lauffaulen Touristen in ihren Handkarren den Berg hoch befördert haben, die mit denselben Karren das Gestein wieder herunterbringen. Wir wurden davor gewarnt, uns hier ohne Schutzausrüstung aufzuhalten und das Gestein auch nur viel zu berühren, da es sich um ätzendes Material handelt. Hier trägt kaum einer Handschuhe oder festes Schuhwerk, von Schutzmasken ganz zu schweigen. Manche formen aus dem Schwefelgestein kleine Figuren, die sie Touristen zum Verkauf anbieten.
Das Blaue Feuer
Unten angekommen, entdecke ich schnell das Blaue Feuer, das von oben tatsächlich durch die Schwefelschwaden weitestgehend verdeckt gewesen war. Es ist ein surrealer Anblick. Wie eine Bergquelle in den Alpen fließt hier ein im Morgenlicht eher violetter als blauer Bach aus Flammen entlang, kommt in kleinen Strömen aus dem Gestein hervor, ergießt sich auf die Erde und formt dort verspielte Flüsse und kleine Deltas. Leuchtend zuckende Flammen steigen von ihm empor und lassen wellenförmige Muster entstehen, die in ihrer dynamischen Bewegung geradezu lebendig wirken. In seinen intensiven Farben und inmitten der Touristengruppen ist es schwer vorstellbar, dass diese Spektakel natürlichen Ursprungs sein soll. Es wirkt eher wie einem Computerspiel oder Film entsprungen. Man kann sich an den beliebtesten Stellen kaum durchdrängeln, natürlich wollen alle ein Erinnerungsfoto mit dem Blauen Feuer, ich kann es gut nachvollziehen. Ich habe noch nichts dergleichen gesehen.
Der Vulkansee hingegen zeigt hier unten auch eine Palette an Farben. In Schwefelgelb und leuchtendem blau schillert sein Ufer und der kleine Strand davor im Dämmerlicht. Der Schwefel liegt hier so schwer in der Luft, dass mit trotz Maske die Tränen in die Augen steigen, und ich einen sauren Geschmack nach Essig im Mund verspüre. Alles schreit hier Lebensfeindlichkeit. Kein Fitzelchen grün ist an den steil aufragenden Rändern des Vulkankraters zu sehen, und kein Fisch nennt den See sein Zuhause. Nur die menschlichen Besucher lichten sich und ihre Umgebung in aller Ausführlichkeit ab und hauchen diesem verlassenen Ort ein Stück Lebendigkeit ein. Beinahe dankbar müsste man für sie sein, vermutlich würde der Ort sonst sehr bedrückend auf mich wirken.
Todmüde
Nachdem mich der Krater eine Weile verzaubert hat, nimmt unsere Gruppe den Aufstieg zum Kraterrand wieder in Angriff. Noch immer kommen uns neue Besucher entgegen, ich kann mir vorstellen, dass der Schwefelfluss im einsetzenden Tageslicht etwas weniger leuchtet, so wie ich ihn auch nicht bei voller Dunkelheit bewundern konnte. Eine Weile wandern wir am Rand des Kraters entlang, und jetzt erst erkenne ich die spektakuläre Landschaft aus Vulkanen und anderen Berggipfeln um mich herum. Wolkenbänder durchziehen den Horizont, wo sich irgendwo die Küste und Bali verbergen müssen, und im Morgenlicht sehen die Gipfel und der Berghang unter uns schon deutlich bewachsener aus als der Krater des Ijen. Sobald man die Schneise des Schwefeldampfes verlässt, wirkt das Vulkangestein eher als Dünger und Förderer für das Leben. Welchen Unterschied frische Luft ausmachen kann.
Mit dieser fährt mir auch schnell die Müdigkeit in die Knochen, immerhin habe ich diese Nacht eine ganze Stunde Schlaf bekommen. Zurück in der Unterkunft, fallen mir beim Frühstück mit Fariz Familie schon beinahe die Augen zu. Doch sie sind verständnisvoll mit mir, und nach meiner dringend notwendigen Dusche falle ich schließlich in mein Bett.









