Die Frau auf dem Pharaonenthron - Ein Besuch im Totentempel der Hatschepsut

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Author

Alex

Published

March 12, 2026

Modified

March 12, 2026

Kurzinfo

Der erste Eindruck

Schroff und erhaben ragt die sandfarbene Felswand vor mir auf. In einem weiten Bogen zieht sie sich um das flache Wüstental, und die zerklüfteten Vorsprünge ergießen sich erst treppenförmig, dann in einem flach abfallenden Fuß aus erhärtetem Geröll zum Erdboden. Es wirkt wie ein großer Wasserfall aus Stein, der sich über hundert Meter halbkreisförmig in Kaskaden zur Talsohle ergießt, erstarrt seit Jahrtausenden wie die Geschichte zu seinen Füßen. Die heiße Wüstenluft flimmert an diesem Nachmittag über dem Tal, der Himmel ist strahlend blau und klar. Es sind zahlreiche Besucher vor Ort, sie verschmelzen in der Hitze jedoch zu kleinen Punkten in der Ferne, so groß und weitläufig ist die Landschaft vor meinen Augen, sodass sie nicht überfüllt wirkt. Es herrscht eine geradezu erhabene Ruhe, wie vor dem Beginn einer Theatervorstellung, und die Felsen wirken passend dazu selbst schon wie eine extra zu diesem Zweck erschaffene Kulisse, die den Tempel in ihrer Mitte einrahmen.

Er verschmilzt mit seiner Umgebung durch den ebenso sandfarbenen Kalkstein, aus dem er erbaut wurde. Auf drei Ebenen verlaufen steinerne Säulengänge in einer flachen Pyramide an seiner Front entlang. Sie lassen ihn stämmig und massiv wirken, wie das gigantische Eingangsportal zu einer geheimnisvollen unterirdischen Welt, die sich im Gestein verbirgt. Eine gigantische Treppe verläuft flach ansteigend vom schnurgeraden Zugangsweg erst zur mittleren, dann zur obersten Ebene. Der Besucher hat hier bei seiner Ankunft so ausreichend Zeit, den Anblick zu würdigen, während er sich dem Bauwerk nähert.

Diesen überwältigenden ersten Eindruck ihres Totentempels hat Hatschepsut wohl bewusst kalkuliert, denn der bedeutende Übergang von einer Welt in eine andere ist hier ja gerade die Symbolik, um die es geht. Auch wenn im Tempel selbst niemand begraben liegt, sind diese Bauwerke im alten Ägypten wichtiges Symbol für das Jenseits, in dem Pharaonen noch lange nach ihrem Tod gehuldigt wurde. Auch wenn andere Pharaonen sich ebenfalls stolze Totentempel erbauen ließen, ist dieser hier wohl heutzutage der bekannteste.

Die märchenhafte Umgebung des Totentepels

Die märchenhafte Umgebung des Totentepels

Hatschepsut

Dabei hätte Hatschepsut nie Herrscherin sein sollen. Geboren im 15. Jahrhundert v. Chr als Tochter des Pharaos Thutmosis I., war sie selbst zwar nah dran an den königlichen Regierungsgeschäften und wurde zur “Gottesgemahlin des Amun”, des Wind- und Fruchtbarkeitsgottes, gemacht - ein extrem wichtiges religiöses Amt im Ägyptischen Reich. Nachdem ihre beiden Brüder jung verstorben waren, sollte jedoch ihr Halbbruder und Gemahl Thutmosis II. die Nachfolge des Vaters antreten, da eine Frau als Herrscherin nicht in Frage kam.

Als jedoch auch dieser früh verstarb, kam Hatschepsut zum Zuge, da zu diesem Zeitpunkt der Thronfolger Thutmosis III., der Sohn von Thutmosis II. und einer Zweitfrau, erst drei Jahre alt war. Zunächst als sein übergangsweiser Vormund gedacht, nahm sie im Laufe der Zeit immer mehr Macht in Anspruch, aus der eine über zwanzigjährige Regierungszeit erwuchs. Heute gilt sie als einer der wenigen weiblichen Pharaonen, und als erste Frau in diesem Amt überhaupt.

Der Tempel

Lange Treppe

Ich besteige die lange Treppe zur oberen Ebene des Totentempels, die durch ihren flachen Anstieg gar nicht enden will. An ihrem unteren Ende befinden sich zwei Sphinxen, durch die der Besucher laufen muss, um nach oben zu kommen. Die ist in zwei Abschnitte aufgeteilt, zwischen denen man eine riesige Terrasse auf der mittleren Ebene überquert. Als ich schon gut verschwitzt oben ankomme, erblicke ich die oberste Säulenreihe. Vor einigen der massiven Säulen steht, die Arme gekreuzt und mit einem hohen Kopfschmuck, eine Statue, die Hatschepsut selbst darstellen. Sie haben jeweils einen königlichen Bart, wie ich mit Verwunderung feststelle.

Schritt für Schritt hinauf

Schritt für Schritt hinauf

Darstellung der Hatschepsut als Pharaonin mit königlichen Bart

Darstellung der Hatschepsut als Pharaonin mit königlichen Bart

Zweite Terrasse und Kapellen

Hinter dem Säulengang gelange ich auf eine zweite großflächige Terrasse, die mit allerhand Überresten von Säulen und Mauern übersät ist. Geradezu führt ein kleiner, für die Dimensionen dieses Gebäudes beinahe unscheinbarer Gang in das Herzstück des Totentempels, das Sanktuar des Amun-Re. Er war als Vereinigung des schon oben genannten Gottes Amun mit Re, dem Sonnengott mit dem Kopf eines Vogels, und einer der wichtigsten und mächtigsten Götter des Alten Ägypten, dem insbesondere hier in Luxor zahlreiche Tempel, nicht zuletzt der Karnak-Tempel, geweiht wurden. Aber auch hier nimmt er eine zentrale Stellung ein. In der von oben bis unten mit Hieroglyphen beschrifteten Kammer erkenne ich den Amun-Re anhand seiner typischen hohen Kopfbedeckung, teilweise haben hier auch die Farben die Jahrtausende überdauert. Am Ende des Raumes bewachen zwei mittlerweile kopflose Statuen den Eingang zum hinteren Bereich, wo ein weiterer, kurzer, aber von einer hohen gewölbten Decke gekrönter Gang in einen weiter ins Innere führt. Dieses bleibt mir jedoch verborgen, da eine hölzerne Absperrung mich am Weitergehen hindert.

So gehe ich zurück in den Hof und biege links ab zu einem kleineren Hof, dessen Zentrum ein erhöhtes Podest bildet, zu dem eine flach ansteigende Treppe führt. Obwohl er an diesem späten Nachmittag bereits im Schatten der ihn überragenden Felswand liegt, ist er der Altar des Sonnenkultes. In zwei angrenzenden Räumen befinden sich die Tempel der Hatschepsut selbst und ihres Vaters Thutmosis I. Im Vergleich zu den gigantischen Ausmaßen der Anlage von außen nehmen auch sie sich fast bescheiden aus, vielleicht wurde hier ja bewusst die Stellung der Pharaonen als Schnittstelle zwischen überirdischen Göttern und der Welt verdeutlicht.

Eingang zum Sanktuar des Amun-Re

Eingang zum Sanktuar des Amun-Re

Darstellung von Amun-Re

Darstellung von Amun-Re

Der Sonnenaltar

Der Sonnenaltar

Erste Terrasse und Punthalle

Zurück auf dem oberen Absatz der Treppe, die zu den unteren Bereichen des Tempels führt, nehme ich erst jetzt die atemberaubend weitläufige Aussicht wahr, die sich dem Betrachter von hier oben bietet. Hinter der weiten Wüstenlandschaft aus Erde und flachen Felsen erstreckt sich am Horizont wie eine gigantische Oase das tiefgrüne Nildelta, ein Symbol des Lebens direkt neben diesem Ort, der dem Gedenken des Todes gewidmet ist. Palmenhaine und Felder gehen über in die weißen Häuserreihen der modernen Stadt Luxor, der Betrachter macht geradezu eine Zeitreise mit einem einzigen Blick.

Nachdem ich den oberen Teil der Treppe wieder hinabgestiegen und auf der ersten Terrasse angekommen bin, mache ich einen kurzen Abstecher zur so genannten Punthalle, ein hoher Säulengang, in dem verschiedene Szenen aus der Regierungszeit Hatschepsuts dargestellt sind. Ein besonders großes Bildnis zeigt die dem Gang namensgebende Expedition nach Punt, einem Ort mit großen Reichtümern, der in der Gegend des heutigen Somalia und Eritrea gelegen haben soll. Durch Handel brachte Hatschepsut viele von ihnen, darunter wohl auch wilde Tiere aus dem südlichen Afrika, nach Ägypten. Gewaltige Boote mit vielen Ruderern verdeutlichen die Menge und Größe der von dort mitgebrachten Schätze.

Unter mir neben der Tempelanlage präsentieren sich, in ordentlichen Reihen, die Überreste der benachbarten Totentempel von Hatschepsuts Stiefsohn, dem späteren Pharao Thutmosis III., sowie von Mentuhotep II., der gut 500 Jahre früher regierte. Auch sie setzen sich an diesem besonderen Ort ein Denkmal, auch wenn diese die Zeit nicht so erhalten überdauern sollten. Auch sie müssen jedoch gewaltige Ausmaße gehabt haben, verblassen jedoch heute etwas neben dem Tempel Hatschepsuts.

Aussicht vom Tempel

Aussicht vom Tempel

Die Expedition nach Punt

Die Expedition nach Punt

Der angrenzende Totentempel des Thutmosis

Der angrenzende Totentempel des Thutmosis

Ein gigantisches Puzzle

Ein gigantisches Puzzle

Fazit

Der Totentempel ist ein Symbol des Lebens und Wirkens als Pharaonin auf dem ägyptischen Thron: Gegen gesellschaftliche Widerstände an die Macht gekommen, musste sie sich gegen vor allem männliche Widersacher durch die Demonstration königlicher Stärke behaupten. Dieses gewaltige Bauwerk ist wohl das imposanteste Beispiel dafür. Gleichzeitig zeigen ihre Darstellungen mit Bart die sich selbst angesehenen männlichen Eigenschaften, dass sie sich in der Tradition der vorangegangenen Pharaonen sah. Auch ein Dasein als zu diesem Zeitpunkt mächtigste Person des ägyptischen Reiches war hier wahrscheinlich kein Selbstläufer für Machterhalt.


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