Kurzinfo:
- Zeit: Oktober 2023
- Ort: Imjingak Park, Gyeonggi-do , Südkorea
Als Deutscher weiß ich ganz gut, dass ein vereinigtes Land keine Selbstverständlichkeit ist, auch wenn ich selbst es nie anders erlebt habe. An anderen Orten dieser Welt ist die Wiedervereinigung leider nicht einmal in der Nähe, und sich einander zugehörig fühlende Völker sind mitunter ohne Hoffnung auf baldige Besserung voneinander getrennt. Das bekannteste Beispiel dafür ist heutzutage wohl Korea, das seit über siebzig Jahren in zwei Staaten aufgeteilt ist. Der autoritär regierte Norden und der demokratische Süden stehen sich, seit jeher in dauerhaftem Kriegszustand befindlich, ausgesprochen unversöhnlich gegenüber.
Und ähnlich wie während der deutschen Teilung hat man auf der kapitalistischen Seite das Potential entdeckt, diese besondere politische Situation zu Geld zu machen. So ist ein Besuch der südkoreanischen Hauptstadt Seoul nicht vollständig ohne einen Abstecher in die demilitarisierte Zone, kurz DMZ.
Anreise
Von Seoul aus ist es nur ein Katzensprung zur DMZ. Jeden Tag fahren wahrscheinlich hunderte Touristenbusse von der Hongik - Universität im Stadtzentrum Seouls ab, um die gute Stunde Fahrzeit nach Norden zurückzulegen. Unterwegs trichtert unsere Guide, die sich als Laura vorstellt, mir und den gut zwanzig anderen Mitreisenden die Verhaltensregeln ein: Grundsätzlich natürlich der Umgebung entsprechendes respektvolles Verhalten, und - ganz, ganz wichtig - Pünktlichkeit.
Da die DMZ ja von beiden Ländern mit verwaltet wird, ist die Kooperation auch des Nordens vonnöten, wenn man sich hier bewegen will. Zum Zeitpunkt meines Besuches ist die diplomatische Stimmung nicht gerade die beste, und ein Betreten nordkoreanischen Bodens, was manchmal möglich ist, für uns untersagt. Damit wir nicht auch gänzlich der DMZ fernbleiben müssen, ist es unumgänglich, bei jeder Station unserer Tagestour wieder pünktlich zurück beim Bus zu sein, sofern man sich an einem Ort überhaupt frei bewegen darf. Bummler riskieren, die Gruppe zu verspäten und die Tour unfreiwillig zu verkürzen, da die Genehmigungen, eine Station in der DMZ anzufahren, zeitlich streng begrenzt sind.
Grundsätzlich ist es auch nicht möglich, einen Slot zu einer der typischen Stationen im Voraus zu reservieren, erst am Tag selbst erhält der Veranstalter eine Zusage, wann er wo rein kann. Deshalb kann ein und dieselbe Tour an unterschiedlichen Tagen auch ganz anders ablaufen, und man kann hier teilweise sehr schlecht planen.
Imjingak Peace Park
Unser Bus fährt nach einer guten Stunde einen großen Parkplatz an, an dessen Rand ein zweistöckiges Gebäude mit der endlosen Aufschrift “Korean Peninsula Ecological Peace Tourism Information Center” steht. Die kleinen bunten Läden im Erdgeschoss des Gebäudes laden zum Verweilen ein, und am anderen Ende des Parkplatzes erkennt man einen Freizeitpark mit einer verwaisten Schiffschaukel. Es könnte sich hier auch um einen Wochenendausflug zur örtlichen Shoppingmall handeln. Das hat etwas leicht Absurdes, inmitten dieser doch eher ernsthaften Umgebung erst einmal einen Kaffee to Go und einen Schokoriegel zu holen, während wir warten, dass Laura Tickets für die späteren Stationen für uns ersteht. Dafür hat sie unsere Reisepässe eingesammelt, und doch ein bisschen nervös laufe ich vor dem Gebäude auf und ab, während ich meinen Kaffee schlürfe. Hier ist wohl einer der Orte, an denen ich besonders ungern ohne gültige Papiere herumlaufen möchte.
Doch zum Glück ist sie bald wieder zurück und verteilt unsere Pässe, bevor wir eine geführte Tour durch den umliegenden Imjingak Friedenspark erhalten. Auffälligstes Ausstellungsstück hier ist wohl eine alte ramponierte Dampflokomotive, die in einem Unterstand vor sich hinrostet. Sie ist Opfer des Koreakrieges, und der letzte Zug, der die Grenze 1950 überquerte, bevor er von amerikanischen Soldaten gesprengt wurde, um ihn nicht in die Hände anrückender chinesischer Truppen fallen zu lassen. Während im Friedenspark ihr Leben zu Ende gehen sollte, fing es für viele andere hier erst richtig an: Direkt angrenzend an den rotbraunen Stahlriesen beginnt die Freedom Bridge. Im Laufe der Jahrzehnte der koreanischen Teilung fanden hier immer wieder Gefangenenaustausche statt, und Menschen, die lange Zeit in feindlicher Umgebung ausharren mussten, konnten endlich wieder vertrauten Boden und ihre Heimat betreten.
Unsere Guide führte uns weiter an mehreren Kriegsdenkmälern vorbei in einen Laden, der allerlei Memorabilia wie nordkoreanisches Propagandamaterial, Alltagsgegenstände und sogar Geld anbietet. Auch ich kann mich nicht zurückhalten und erstehe einen Hundert-Won-Schein, Gegenwert vielleicht zehn Euro-Cent, zu einem Vielfachen des Wechselkurses. Das Ganze hat, wie auch schon draußen, eine faszinierende Mischung aus Weltpolitik und Disneyland.
Dora Observatory
Natürlich will ich, wie wohl die meisten anderen hier auch, auch mal einen Blick in das geheimnisvolle Land werfen, das so abgeschottet ist wie kaum ein anderes auf der Welt. Die Gelegenheit dazu bietet sich bei der nächsten Station, dem Dora Observatory, einem großen Aussichtspunkt auf das nordkoreanische Grenzgebiet jenseits der DMZ. Hier ist es immer ein bisschen Glückssache, ob und was man genau sieht, da einem das Wetter schnell einen Strich durch die Rechnung machen kann. Wir haben großes Glück, in strahlendem Blau lacht der Himmel, als unser Bus vor einem flachen massiven Betongebäude hält. In hellem Flecktarn bemalt, könnte es auch ein militärischer Bunker sein, wer weiß, ob es nicht mal anderen Zwecken gedient hat. Neben dem neuen Dora Observatorium befindet sich, deutlich filigraner und traditioneller gestaltet, das Alte, das nicht viel mehr ist als ein roter hölzerner Unterstand unter einer prächtigen Pagode.
Auf der Plattform haben wir es eilig, einen Blick durch die zahlreichen vorhandenen Ferngläser auf die andere Seite zu werfen. Tatsächlich erkennt man, auch ohne Zoom, schon ziemlich viel. Ein herbstlich rotbrauner Wald erstreckt sich vor dem Observatorium dort, wo die Grenze verlaufen muss. Sie ist selbst nicht so klar zu erkennen, was wohl nicht ganz unabsichtlich ist. Hinter dem Wald tauchen flache Wiesen und Felder auf, hinter denen sich helle Gebäude in der Ferne abzeichnen. Auch einige Hochhäuser, die zu der grenznahen Stadt Kaesong gehören, kann man gut erkennen. Links und rechts wird der Ausblick von zackigen Bergketten eingerahmt.
Insgesamt ist es eigentlich eine echt friedliche und beschauliche Landschaft, und so anders als viele Orte diesseits der Grenze sieht es auf den ersten Blick gar nicht aus. Als auch ich mal einen Blick durch ein Fernglas erhaschen darf, erkenne ich Leute auf Fahrrädern, die gemütlich die Straße entlang radeln, und Feldarbeiter mit Ochsen und Pflug. Das sieht dann doch etwas ungewöhnlich aus.
Laura erklärt uns die vielen Propagandaelemente, die hier natürlich ganz bewusst in Sichtweite platziert worden sind. Wenn man weiß, wonach man suchen soll, kann man sie auch gut erkennen. Groß und glänzend ragen Statuen von Kim Jong-Il und Kim Il-Sung, dem Vater und Großvater des heutigen Staatenlenkers Kim Jong-Un, auf einem Platz auf. Nicht zu übersehen ist der siebthöchste Flaggenmast der Welt, der Panmunjom, der das Dorf Kijong-dong, eines der nächsten an der Grenze, deutlich überragt. Er ist nicht nur der höchste, sondern überhaupt der einzige Einwohner des Örtchens, denn wie uns Laura erklärt, ist Kijong-Dong ein potemkinsches Propagandadorf, das nur zu dem Zweck errichtet wurde, uns die Überlegenheit Nordkoreas vor Augen zu führen. Inwieweit das mit einem riesigen Fahnenmasten gelingen soll, ist mir nicht ganz nachvollziehbar. Weiter hinten in den Bergen, selbst durch das Fernglas kaum erkennbar, prangt ein übergroßer weißer Schriftzug auf koreanisch, der mehr oder weniger wortwörtlich genau das sagt. Eine interessante Hommage an die Hollywood Hills, nicht nur räumlich so weit fernab vom Mutterland des Kapitalismus.
Der Dritte Tunnel
Dass aus reinen Protzereien und Drohungen auch schnell Ernst werden kann, wird uns an der dritten Station unseres heutigen Ausfluges vor Augen geführt. Auch wenn der heiße Konflikt schon seit siebzig Jahren in einem Waffenstillstand schwelt, gab und gibt es doch immer wieder aufflammende Konflikte, die zum Glück bisher nie zur großen Katastrophe geführt haben. Ein deutliches Zeichen dafür sind die Infiltration Tunnel, die entlang der Grenze in den letzten Jahrzehnten immer wieder entdeckt wurden, und die wohl einer potentiellen Invasion dienen sollten. Dass sich daraus erhebliche diplomatische Verstimmungen ergaben, ist eigentlich klar, auch wenn Nordkorea jede Beteiligung abgestritten hat.
Den dritten entdeckten Infiltration Tunnel, kreativ Dritter Tunnel genannt, kann man besichtigen. Wir werden im Vorfeld aufgeklärt, dass es dort unten eng und stickig ist und man die Besichtigung nur bei guter Gesundheit durchführen sollte. Dann geht es, gut ausgerüstet mit Grubenhelm, durch einen Zugangstunnel hinab in das Erdreich. Der eigentliche Tunnel ist tatsächlich überaus eng, sodass wir hier im Gänsemarsch, und selbst ich nur im gebückten Gang, voran watscheln. Wir kommen bis zu 170 Meter an die Grenze heran. Dort kann man durch eine Glasscheibe ins Dunkel schauen, noch mehr Erde, ein bisschen von Grubenlampen beleuchtetes Moos und nicht viel Spektakuläres. Der Durchgang zum Norden ist durch dicke Betonbarrieren versiegelt. Ein komischer Gedanke, dass hier im Ernstfall eine Armee samt Ausrüstung hätte durchtransportiert werden sollen. Wobei es ja noch mindestens drei weitere bisher entdeckte Tunnel gibt, und noch weitere in den Untiefen der DMZ vermutet werden. Da von hinten schon die nächsten Besucher nachschieben, kann jeder nur einen kurzen Blick auf echte nordkoreanische Erde werfen, bis es wieder zurück und dann an die Oberfläche geht.
Rückfahrt
Der letzte Stopp auf dem Rückweg nach Seoul ist ein kleiner Supermarkt, in dem es wohl echte nordkoreanische Produkte zu kaufen gibt, eine Art umgedrehter Intershop also. Es gibt jedoch auch Pringles und andere eindeutig westliche Lebensmittel und Souvenirs. Ich erstehe eine Dose Ginseng-Bier, die ich mir später genehmigen will, und Sojabohnen-Softeiscreme, die leider so mundet, wie der Name vermuten lässt. Der Geschmack der Diktatur. Das sonstige Warenangebot ist erstaunlich bunt, von Keksen über Schokoladenwaffen bis zu Spirituosen ist alles dabei. Die Verkäufer, so erklärt uns Laura, sind wohl tatsächlich nordkoreanische Bürger, und wir sollen bloß keine neugierigen Privatgespräche mit ihnen anfangen. Vermutlich sprechen sie ohnehin kein Englisch, denke ich vorurteilsbehafteter Tourist überheblich.
Wie repräsentativ das Angebot hier sein mag, sei mal dahingestellt, aber die Eindrücke, die ich von hier und der DMZ insgesamt mitnehme, sind gewaltig. Da leben Leute einen Steinwurf entfernt, aber in einer für uns anderen Welt. Und für sie ist ihr Leben ebenso normal wie für uns unser Leben hier, und Unseres vielleicht genauso mystisch und unbekannt. Auch wenn sie nicht durch Ferngläser in den Süden herüberschauen können.