Mein Start in den Lasörling Höhenweg

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Author

Alex

Published

September 3, 2026

Modified

September 3, 2026

Kurzinfo

Im Regen sitzen

Meine Beine jucken höllisch von den Brennnesseln, durch die ich eben gestolpert bin, um zu meinem Unterschlupf zu gelangen. Ich habe es in letzter Minute in den Rahmen einer halboffenen Holztür zu einer verfallenen Hütte geschafft, die neben dem Weg hinter hüfthohem Unkraut liegt. Das war in letzter Minute, denn kaum kauere ich auf dem kleinen Vorsprung, geht der anhaltende Regen in einen starken Schauer über, und in nicht allzu weiter Ferne grollt ein bedrohlicher Donner durch die Berge. Das eindrucksvolle Bergpanorama vor mir verschwimmt hinter Regenschleiern zu grauen Silhouetten, und die dunkelgrünen Äste der Nadelbäume vor mir hängen bald, beschwert vom Wasser, traurig herunter.

So hatte ich mir meine Tour definitiv nicht vorgestellt. Da hat es den ganzen Sommer viel zu wenig geregnet, und kaum breche ich auf, muss natürlich wieder so ein Mistwetter herrschen. Mein typisches Pech. Nach einer Weile läuft der Regen an der Hütte entlang zum Türrahmen, und tropft, einer Wasserfolter gleich - patsch, patsch, patsch - auf meinen Kopf. Doch mir bleibt nichts übrig, als abzuwarten, weitergehen kann ich bei dem Wetter definitiv nicht.

Der Lasörling Höhenweg und der Hohe Tauern

Mein erster Trip, den ich vor allem mit generativer KI geplant habe, beginnt unter keinem verheißungsvollen Stern. Eine mehrtägige Wandertour mit moderater Schwierigkeit sollte es sein, leicht von München aus zu erreichen, auch mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. Außerdem sollte er nicht zu beliebt sein. Das Kriterium war meiner kurzfristigen Planung geschuldet, da die Hütten dort in dem Fall wahrscheinlich schon lange vorher ausgebucht gewesen wären. Unter mehreren Vorschlägen entschied ich mich für den Lasörling Höhenweg, der tatsächlich wenig beliebt genug ist, dass ich vorher nie von ihm gehört hatte. Aber das muss nichts heißen. Zumindest den Hohen Tauern kannte ich, wenn auch vor allem vom gleichnamigen Autobahntunnel her.

Der Lasörling Höhenweg erfüllt alle meine Kriterien. Außerdem kann ich ihn mit gut 55 Kilometern Länge in vier bis fünf Tagesetappen komplett gehen. Jetzt nur noch die Hütten angeschrieben und eine Übernachtungsmöglichkeit gesichert, denn ohne diese wird die Tour nichts. Im Zelt in der freien Natur schlafen ist auf zweitausend Höhenmetern nicht nur auch im Juli kalt, sondern im Nationalpark auch streng verboten. Aber eine Hütte zu buchen ist ja schließlich kein Problem, richtig? Jein, denn tatsächlich finde ich fast überall direkt einen Platz. Aber vermutlich vor allem, weil ich alleine unterwegs bin, und gerne auch im Schlafsaal unterkomme. Nur in einem Fall bekomme ich nur einen Schlafplatz im Zelt angeboten. Was soll’s, dann nehme ich eben ein Zelt mit. Irgendwie werde ich das neben zwei Sätzen Outdoor-Kleidung, einem Outfit für die Hüttenabende sowie allerhand mehr oder weniger nützlichem Outdoor-Schnickschnack schon unterbringen.

Der Hohe Tauern erstreckt sich im Südosten Österreichs nahe der Grenze zu Italien, und Matrei, der Ausgangspunkt meiner Tour, ist in nur ein paar Stunden mit dem Zug und Bus gut zu erreichen. Hier plumpse ich dann ein paar Wochen später am späten Sonntagvormittag aus dem Bus, den Rucksack geschultert, die Stöcke in den Händen und hoch motiviert für mein kleines Abenteuer.

In Matrei starte ich in meine Tour

In Matrei starte ich in meine Tour

Bergauf

Und zum Glück wurde ich gleich voll herausgefordert. Meine erste Etappe zur Zupalseehütte, meiner ersten Übernachtung, führt mich insgesamt gut 1800 Höhenmeter hinauf. Vierhundert davon muss ich erst mal über eine weniger spektakuläre Straße zum Ausgangspunkt bewältigen, ehe der eigentliche Weg dann losgeht. Hier fängt es dann schon bald an zu tröpfeln. Das begrüße ich zunächst fast schon, da ich vom stetigen bergauf laufen schon ganz gut schwitze. Aber natürlich weiß ich, dass mit dem Wetter in den Bergen eigentlich nicht zu spaßen ist, und die Lage sich in kürzester Zeit verändern kann. Und als der Regen dann immer stärker wird und es beginnt, nur so zu schütten, komme ich zufällig an jener verfallenen Berghütte vorbei. Sie bietet mir nun einen zumindest provisorischen Schutz.

Mein improvisierter Unterschlupf hier hält mich weitestgehend trocken, und zum Glück zieht das Gewitter an mir vorüber und der Regen flaut nach gut einer halben Stunde bereits ab. So gehe ich munteren Schrittes weiter, achte auf Pfützen und aufgeweichte Wegabschnitte, aber in größere Schwierigkeiten gerate ich nicht mehr. Auch wenn die Kühe entlang des Weges mich teilweise sehr misstrauisch anblicken. Vielleicht fragen sie sich, was ich bei dem Wetter hier oben treibe. Das hohe Gras, das ich an manchen Stellen durchqueren muss, ist noch klatschnass, und bald auch meine Wanderstiefel, die zwar dem Regen selbst prima standgehalten haben, jetzt aber schnell bis auf die Socken durchweicht sind.

Dafür werde ich auf mittlerweile über zweitausend Höhenmetern mit der Schönheit des Nationalparks und der umgebenden Berge belohnt. Während die Regenwolken weiterziehen, bilden sie bizarre Muster zwischen den Gipfeln, und das nasse Gras duftet angenehm. Auf meinem Weg zum Zupalseehütte mache ich daher immer mal wieder Pause, um diese Eindrücke in mich aufzusaugen. Das hat den angenehmen Nebeneffekt, dass ich meine mittlerweile ebenso vollgesogenen Wanderstiefel mal ausziehen und kurz zum Trocknen hinlegen kann, während ich Müsliriegel esse und die Landschaft unter mir bewundere.

Auch wenn ich die meisten Höhenmeter bis zu meiner unfreiwilligen Pause schon hinter mich gebracht habe, geht es noch mal gut bergauf und bergab, bis ich nach gut sechs langen Stunden die lang ersehnte Hütte als winziges Spielzeug in dieser Berglandschaft ausmache.

Die Aussicht nach dem Regen

Die Aussicht nach dem Regen

Das Ziel kommt in Sicht

Das Ziel kommt in Sicht

Ankommen im Hüttenleben

Ich werde schon erwartet. Als ich am Eingang der Hütte ankomme, freue ich mich tierisch auf trockene Hausschuhe und ein kaltes Bier. Es tritt direkt eine junge Frau heraus, die mich fragt, ob ich Alex sei und ob ich zum Abendbrot ein vegetarisches oder fleischhaltiges Menü haben will. Sie listet mir noch kurz auf, was es jeweils geben soll, aber es gibt ohnehin keine weiteren Optionen, sodass ich als Freizeitvegetarier leichte Wahl habe. Außerdem bin ich so hungrig, dass ich vermutlich jedes Menü freudig akzeptieren würde. Sie zeigt mir mein Bett im Matratzenlager im Dachgeschoss, das mir heute vorkommt wie die Präsidentensuite im Adlon. Noch dazu scheint die Hütte doch nicht so voll zu sein wie bei der Buchung angenommen. Neben meinem sind noch zwei unberührte Lager, obwohl ich um diese Zeit wohl der letzte Ankömmling bin. Ich nehme eine zwangsweise kalte, aber traumhafte Dusche und genieße auf der Terrasse bei einem Kaltgetränk noch die abendlichen Sonnenstrahlen.

Beim anschließenden Abendessen ist die Stube gut gefüllt, ich als Solo-Wanderer teile mir den Tisch mit einer wortkargen älteren Dame, die jedoch genug spricht, dass ich den bayerischen Dialekt heraushöre. Da sie vom Chiemsee stammt, können wir über die Vorzüge und Unterschiede des Münchener Umlandes zu den Osttiroler Alpen, die ich mittlerweile immerhin sechs Stunden kenne, trefflich fachsimpeln. Das Menü aus Karottensuppe, Linsencurry und Apfelstrudel ist absolut köstlich, und das kamingewärmte Holz der Stube verbreitet Wärme.

Während ich meinen Strudel verdrücke, werde ich von der Wirtin gefragt, ob ich Lust hätte, heute Abend in der Stube das WM-Finale mitzuschauen. Das habe ich bei meiner Wanderung doch glatt vergessen! Erstaunlich, wie schnell man die Welt draußen hinter sich lassen kann. Auch wenn ich mich nicht sonderlich für Fußball interessiere, sage ich zu, und kaum eine Stunde später sitze ich zwischen Holländern und Wanderern aus dem Rheinland in der gemütlichen Stube, und sehe Spaniern und Argentiniern beim langwierigen Tauziehen um den begehrten Pokal zu. Das Hüttenleben empfängt mich mit einer interessanten Mischung aus uriger Gemütlichkeit und Internationalität.

Die Belohnung

Die Belohnung

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