Mit Hand und Fuß auf den Lasörling

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Author

Alex

Published

September 17, 2026

Modified

September 17, 2026

Kurzinfo

Durchatmen

Meine trockenen Hände schmerzten. Ich spülte den staubigen Geschmack in meinem Mund mit einigen kräftigen Zügen aus meinem Wasserschlauch hinunter. Wie immer war das Wasser zunächst warm, aufgeheizt von der Sonne, die auf den frei liegenden Teil des Schlauches geschienen hat, dann erfrischend kühl. Ich benetzte meine Lippen mit meiner Zunge und blinzelte hinab auf die Mondlandschaft unter mir. Die Höhenmeter, die ich schon bezwungen hatte, sind beachtlich, und eigentlich dürfte es nicht mehr so weit sein. Jetzt aber brauchte ich erst mal kurz Zeit zum Durchatmen. Das hier stellte sich als deutlich anspruchsvoller heraus als ich gedacht hatte.

Weg zur Lasörlinghütte

Ich startete an diesem Morgen von der Zupalseehütte aus in meinen ersten vollen Tag auf dem Lasörling Höhenweg im Hohen Tauern im österreichischen Osttirol. Schon am Tag zuvor hatte ich von Matrei aus einige Höhenmeter zu meinem Nachtlager bezwungen, und war voller Tatendrang und Vorfreude. Der Weg begrüßte mich mit Sonnenschein und fröhlichem Wetter, der Regen vom Vortag war verzogen. Dieses mal gab es kaum Anstieg, sodass ich die alpine Sommerlandschaft um mich herum entspannt genießen konnte. Sattgrüne Bergketten, gekrönt von schroffen Steinspitzen, durchzackten das Panorama. Der blaue Julihimmel war von Schäfchenwolken durchsetzt, und verschaffte mir mit abwechselnder Sonne und Schatten perfekte Bedingungen, nicht zu warm und nicht zu heiß. So folgte ich dem Höhenweg beschwingt durch diese alpine Traumlandschaft. Mal zog er sich weit sichtbar wie ein erdbrauner Wurm durch das saftig grüne Gras, mal wiesen mir rot-weiße Markierungen die richtige Richtung durch Gerölllandschaften.

So gelangte ich bereits am späten Vormittag nach nur knapp drei Stunden zu meinem heutigen Tagesziel, der Lasörlinghütte. Da ich noch den ganzen Tag hatte und natürlich den Gipfel, nach dem mein Weg benannt ist, nicht auslassen konnte, machte ich nur eine kurze Rast, entledigte mich eines Großteils meines Gepäcks und machte Besteigung des Lasörlings zu meinem Nachmittagsprogramm.

Der Wegabschnitt zur Lasörling-Hütte begrüßte mich mit Sonnenschein

Der Wegabschnitt zur Lasörling-Hütte begrüßte mich mit Sonnenschein

Die Lasörlinghütte liegt traumhaft

Die Lasörlinghütte liegt traumhaft

Weiter zum Gipfel

Es waren nur gut siebeneinhalb Kilometer hin und zurück sowie gut siebenhundert Höhenmeter zu meinem Ziel. Das war nicht die weiteste Entfernung und nicht der größte Höhenunterschied, die ich bisher gemeistert hatte, von daher war ich mal ganz zuversichtlich, dass ich es relativ problemlos auf den Gipfel des Lasörlings schaffen würde. In meiner Wander-App komoot war die Tour als “Bergsteigertour” ausgewiesen, was auf etwas schwierigere Bedingungen und etwas spärlichere Wegmarkierung hinwies, doch auch das irritierte mich nicht weiter.

Und zunächst kam ich auch super voran. Von der Lasörlinghütte aus führte mich der Weg durch das Glaurettal entlang eines murmelnden Gebirgsbaches. Eingerahmt von den steil ansteigenden Geröllhalden desgleichnamigen Glaurets beeindruckte mich der Anblick sehr. Ich konnte ihn ausgiebig bewundern, ohne mich großartig auf den Weg konzentrieren zu müssen, da der Pfad bisher nur flach anstieg und mich noch nicht forderte. Hinter den vielen Felsen, die meinen Weg säumten, sah ich Murmeltiere herumturnen. Manchmal steckten sie ihre pelzigen Köpfe aus ihren Verstecken und betrachteten mich neugierig. Mal hüpften sie bei meinem Anblick behände davon, mal hörte ich sie erschreckend laut kreischen, wenn sie ihre Artgenossen vor meiner Anwesenheit warnten. Aber ich wollte ihnen ja nichts Böses und wanderte nur so schnell wie möglich weiter, um sie nicht zu sehr zu stören.

Der Weg wurde zunehmend steiniger, ich hüpfte irgendwann mehr von Felsen zu Felsen, immer den aufgesprühten österreichischen Flaggen folgend, es war fast wie ein Spiel. Einen Pfad im herkömmlichen Sinn gab es hier nicht mehr wirklich, und ich musste mich schon etwas mehr konzentrieren, aber Schwierigkeiten hatte ich nicht wirklich. Ich gelangte in eine große Halde aus grobem Geröll, in der der Weg sich irgendwann verzweigte. Nach links deutete das Schild zur Neuen Reichenberger Hütte, meinem morgigen Ziel, nach rechts ging es weiter hoch zum Lasörling. Jetzt bestand der Weg quasi nur noch aus losen Steinen, von denen einige markiert waren und mir die Richtung wiesen. In der grauen Mondlandschaft konnte ich die Folge aus weiß-roten Punkten manchmal sehr gut erkennen. Manchmal verschwanden sie jedoch hinter anderen Steinen aus meinem Blickfeld, und ich musste herumsuchen, wo es denn nun weiterging. Mehr als ein Mal nahm ich so auch einen Umweg. Bald kam mir ein Wanderer von oben entgegen, dem Akzent nach aus den Niederlanden. Er berichtete mir, oben würde es noch schwieriger, sich zu orientieren, da die Markierungen weiter auseinander lagen und es steiler wurde. Mit dem Anstieg hatte ich noch keine großen Probleme, und ich brauchte nur selten mal meine Hände, daher bedankte ich mich für die Tipps und ging nach einer kurzen Unterhaltung weiter.

Der Holländer sollte recht behalten, je weiter ich nach oben stieg, desto tiefer musste ich den Kopf in den Nacken liegen, um meinen anvisierten Gipfel und die nächste Markierung auszumachen. Der Aufstieg forderte auch zunehmend meine Kondition, sodass ich immer langsamer vorankam und kleine Pausen einlegen musste. Der Schweiß lief mir mittlerweile über die staubige Stirn, der Griff meiner trockenen Hände am Gestein wurde zunehmend unangenehmer. Erst nach einer Weile bemerkte ich bei einer meiner Pausen, dass die immer größer werdenden Wolken am Sommerhimmel eine ähnliche Farbe wie die Felsen um mich herum angenommen hatten, und mir eine frische Brise um die Nase fuhr. Sollte das Wetter sich jetzt und hier oben zum Schlechteren wenden, dann würde ich wohl ausharren müssen, dachte ich mir. Doch mein unvernünftiger Ehrgeiz verbot mir die Rückkehr und ich kraxelte Meter um Meter weiter. Ich glaubte, dass ich an einer scharf abfallenden Felsenkante bereits den Gipfel ausmache konnte. Das spornte mich an, und ich mobilisierte ungeahnte Kräfte. Als ich dort endlich ankam, wurde ich jedoch enttäuscht: Ein weiterer Wegweiser zeigte mir, dass ich einen weiteren Aufstieg entlang einer steil abfallenden Bergseite überwinden musste. Wieder war ich kurz davor, umzudrehen, zumal sich die Wolken über mir weiter verfinstert hatten. Doch jetzt kam es noch weniger in Frage, so kurz vor dem Ziel noch aufzugeben, es mussten nur noch ein paar Minuten sein. Und so kletterte ich weiter. Ich war erschöpft, aber fast schon wütend, es dem verdammten Lasörling zu zeigen, der es mir so schwer gemacht hatte! Mit letzter trotziger Kraft zog ich mich auf einen Felsen unterhalb des schlichten Gipfelkreuzes. Ich hatte es geschafft!

Die Geröllhalde über dem Glaurettal, die ich erklimmen musste

Die Geröllhalde über dem Glaurettal, die ich erklimmen musste

Der Aufstieg wurde nach oben hin immer steiler

Der Aufstieg wurde nach oben hin immer steiler

Der Gipfel

Die Aussicht reichte über viele weitere Gipfel des Hohen Tauern, die sich hier in graugrünen, gezackten Reihen um mich herum erstreckten. Die meisten schienen kleiner zu sein, bei vielen wirkte es wohl nur so. Ich war auf knapp 3100 Höhenmetern, aufgestiegen von 2350 Höhenmetern, eine Hochgebirgstour ist das vielleicht noch nicht. Der Anblick erfüllte mich trotzdem mit Stolz, da ich ihn mir erkämpft hatte. Links unter mir lag, ruhig und ohne eine Regung der blaugrüne Berger Kees, ein Gebirgssee. Kleine weiße Schneeflecken verteilten sich auf dem dunkelgrauen Felsen in meinem Blickfeld, nur vereinzelt sah man hier grün. Alles wirkte unwirtlich und streng. Eine Welt für Kenner und schwer zu erkunden für Außenstehende, das habe ich soeben am eigenen Leib erfahren. Vieles sagte mir, dass ich hier nicht lange bleiben sollte. Der strenge Wind pfiff mir hier oben besonders scharf um die Ohren. Mein Smartphone vibrierte: Eine Meldung des österreichischen Wetterdienstes. Warnung vor Gewitter in meiner Gegend. Na das fehlte gerade noch. Ich taumelte mit müden Beinen kurz hinüber zum Gipfelkreuz, das mit mehreren Stahlseilen fixiert war, um im rauhen Wind nicht umgepustet zu werden, machte mit etwas gequältem Lächeln mein kurzes Selfie und begann schleunigst meinen Abstieg.

Etwas gequält ist das Lächeln schon

Etwas gequält ist das Lächeln schon

Abstieg

Der Weg nach unten war nicht spürbar leichter als nach oben, aber das kannte ich auch schon von anderen Wanderungen. Auch wenn es deutlich weniger anstrengend war, meldeten sich durch den steilen Abstieg schnell die Gelenke. Ich musste aufpassen, in dem lockeren Geröll nicht abzurutschen. Dazu lag mir die Zeit im Nacken, auch wenn ich trotz der Warnung keine deutliche Verschlechterung des Wetters feststellen konnte. Der Stolz darauf, den Gipfel bereits erreicht zu haben, beschleunigte meinen Schritt. Außerdem hatte ich auf dem Weg nach unten seltener Probleme mich zu orientieren, da ich die Markierungen im Gestein von oben viel besser ausmachen konnte. Diese Aspekte verbesserten meine Laune erheblich, und der trotzige Ehrgeiz, der mich nach oben getrieben hatte, verwandelte sich in gut gelaunte Euphorie über meine Leistung. So erreichte ich schließlich wieder den Fuß der Halde und machte mich über den deutlich leichteren, flachen Abschnitt durch das Glaurettal auf den Weg zurück zur Lasörlinghütte. Ich hatte den Lasörling bezwungen!

Rückweg

Unterwegs traf ich noch ein paar andere Wanderer aus Österreich, die soeben von der anderen Seite ins Tal abgestiegen waren, entlang des Abschnittes, den ich am nächsten Tag bezwingen wollte. Sie waren offenbar beeindruckt von meiner Tour, was mich mit bescheidenem Stolz erfüllte. Abends in der Hütte teilte ich mir den Tisch mit einem alten Haudegen des Deutschen Alpenvereins, der an diesem Tag ebenfalls auf dem Lasörling gewesen war. Auf meine Frage, wie es für ihn war, lautete seine Antwort: “Do bin I im Schlof hoch spoziert”. Ich nickte nur stumm und schlürfte meine Suppe weiter.

Abendstimmung auf der Hütte - alle Strapazen vergessen!

Abendstimmung auf der Hütte - alle Strapazen vergessen!

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