Streetfood in Busan - Ein Abend auf dem Jagalchi-Markt

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Author

Alex

Published

February 19, 2026

Modified

February 19, 2026

Kurzinfo

Das Gewirr lässt mich Kim fast aus den Augen verlieren. Ohne ihn als Führer hätte ich wohl keine Ahnung, wohin ich als erstes schauen soll: Vor mir türmt sich Plastikgeschirr in einem weißen Schrank, davor eine ältere Dame in ihren Fünfzigern in knallpinker Schürze, die eifrig ein grünes Gemüse schnippelt. Den Gang weiter hinunter noch ein paar quasi identische Kopien desselben Standes mit derselben Frau in derselben Schürze davor. Hinter mir eine Handvoll älterer Männer an einem leichtend gelben Plastiktisch, die sich auf koreanisch unterhalten. Ihr Gespräch muss amüsant sein, denn als einer der Herren erzählend mit der Hand in der Luft gestikuliert, lachen alle. Ich kann mich täuschen, aber vielleicht haben sie auch über den weißen Touristen gesprochen, denn ich meine ein paar Blicke und einen Kommentar in meine Richtung ausgemacht zu haben. Vielleicht meinen sie auch den Amerikaner Brad, der neben mir noch mal einen Kopf größer und mit seinem langen blonden Haar besonders auffällig aufragt. Vor ihnen auf dem Tisch ein paar Flaschen Bier und koreanischer Soju, ein Branntwein aus Reis, der zu fast jedem Anlass getrunken wird.

Zwischen den Stimmen zischt und blubbert es aus allen Richtungen, denn hier auf dem Jalgachi Markt in Südkoreas zweitgrößter Stadt Busan gibt es unzählige Köstlichkeiten zu probieren oder auch nur zu bewundern. Einen auch nur annähernd repräsentativen Teil zu probieren, würde zweifellose den Magen auch des hungrigsten Mannes sprengen. Kim geht schnell und routiniert weiter die kareeförmig angeordneten Gänge zwischen den verschiedenen Ständen entlang, Brad und ich folgen, bemüht, Schritt zu halten. Die einzelnen Karees tragen Nummern, die auf blau-weißen Leuchtschildern abgedruckt sind, sodass man sich hier trotz der Größe und dem Gewusel sehr gut orientieren und verabreden kann. Ein kulinarisches Mini-Manhattan quasi. Viele Einheimische besetzen die Tischreihen zwischen den Gängen, die sich mit den Verkaufs- und Zubereitungsnischen abwechseln, es wird munter geschwatzt und getrunken. Es ist früher Abend, und viele haben sich hier wohl nach der Arbeit eingefunden, man sieht zahlreiche Anzug- und Kostümträger. Manchmal könnte man direkt an eine der Anrichten gehen und direkt selbst anfangen, zu kochen, so offen und zugänglich ist hier alles, wohl auch aus Platzgründen. Das koreanische Ordnungsamt drückt da wohl mal ein Auge zu, schießt es mir als Deutschem natürlich prompt durch den Kopf.

Gleichzeitig sieht es hier aus wie in der Zoohandlung, denn zwischen den Ständen stehen große Wasserbecken, in denen sich allerhand Meeresgetier, von großen Krebsen über Fische in jeder Form, Farbe und Größe bis hin zu Aalen, tummelt. In dem großen Haufen aus Beinen, Scheren und Fühlern, der wie ein einzelner großer Organismus wirkt, kann man kaum noch das einzelne Tier ausmachen. Eine gewisse Parallele zum Geschehen in den umliegenden Hallen ist das durchaus, auch wenn mir die Lebewesen, die hier nicht freiwillig sind, natürlich schon ziemlich Leid tun. Aus den Becken zieht der fischige Geruch von salzigem Meerwasser und vermischt sich mit dem Fett der Bratpfannen und den Gewürzen aus den brodelnden Suppentöpfen. Trotz der leidenden Tiere läuft mir widerwillig das Wasser im Munde zusammen.

Buntes Treiben am Jagalchi Markt

Buntes Treiben am Jagalchi Markt

Kim (ganz rechts) und Brad (zweiter von rechts)

Kim (ganz rechts) und Brad (zweiter von rechts)

Viel Grün

Viel Grün

Allerlei lebendige Meeresbewohner werden hier zum Verzehr angeboten

Allerlei lebendige Meeresbewohner werden hier zum Verzehr angeboten

Ich folge dem immer noch emsig suchenden Kim, und versuche dabei weiter, die Eindrücke des Jalgachi-Marktes in mich aufzusaugen. Außerhalb der Hallen hört der Markt nicht auf, auch hier draußen reihen sich Stände mit frisch gefangenem Fisch und allerhand Streetfood dicht an dicht aneinander. Die großen Leiber der heute erst gefangenen Meeresbewohner liegen in engen Reihen auf Tischen zum Verkauf aus, und die Frische wird von dem nur wenig wahrnehmbaren Fischgeruch hier bezeugt. Kim steuert gezielt einen Stand an, an dem zwei Frauen abwechselnd in verschiedenen Woks umherrühren. Leuchtend rotes Kimchi kann ich darin erkennen, also fermentierten Kohl in scharfer roter Soße, sowie flache Pfannkuchen, die, wie Kim dem Amerikaner Brad und mir erklärt, Bindaetteok heißen. Sie erinnern mich an Kartoffelpuffer von zuhause, sind jedoch aus Mungbohnen. Wir stehen um eine kleine Fläche am Rande des Standes zu dritt und schaufeln uns, Kim mehr, ich weniger geschickt, mit den metallenen Essstäbchen die Pfannkuchenstücke in den Mund. Fettig und würzig, und hervorragend ergänzt durch das fruchtige Kimchi kaue ich hochzufrieden mein lang erwartetes Abendessen nach diesem Tag voller Sightseeing in Busan. Eine Weile drängen wir uns zwischen den Tellern, nehmen mal hier, mal da was, und lassen es uns schmecken. Zugegeben, etwas unbequem ist es doch, aber das hat Streetfood manchmal so an sich. Während wir essen, wird uns ein weiterer Teller mit grünem gebratenen Gemüse und, ich meine, Fisch gereiht, denn zumindest schmeckt es danach. Auf alle Fälle köstlich. Kim erzählt uns von den vielen Abenden, die er hier mit seinen einheimischen Freunden verbracht hat. Direkt in der Nachbarschaft finden sich zahlreiche Bars, und auch an diesem Freitag wird so manche lange Nacht hier wohl ihren Anfang nehmen.

Neben unserer Essensfläche kochen ein paar Spieße mit undefinierbaren weißen Rollen vor sich hin. Dabei handelt es sich um Odeng, also Fischküchlein, wie uns Kim erklärt. Davor stapeln sich auf einem großen Teller wie dunkelgrüne gerollte Teppiche Gimbap-Rollen. Auch wenn sie wie übergroßes japanisches Sushi aussehen, so habe ich lernen müssen, dass es doch ein anderes Essen ist, meistens komplett ohne rohen Fisch, sondern mit zahlreichen anderen Fleisch- und Gemüsesorten. Man isst sie generell ohne Sojasoße, was einem als ahnungslosem Touristen am Anfang vielleicht einen missbilligenden Blick einbringen kann. Auch wenn ich die eigentlich andauernd essen könnte, ist mir im Moment eher nach Süßem. Doch auch da hat Kim Abhilfe.

Wir passieren einen Stand, auf dem sich Sommerhüte türmen, und ein paar Augenblicke später stehen wir vor einem kleinen, roten Wägelchen mit einem gelb-rot gestreiften Regenschirm. Das Angebot scheint gut zu sein, denn eine Traube Menschen drängt sich hier, um etwas zu kaufen. Auch für Brad und mich gut lesbar gibt es hier Hotteok, eine andere Art südkoreanischer Pfannkuchen. Diese hier sind ähnlicher zu unseren auf Weizenbasis, und man kann sie mit Honig, braunem Zucker und verschiedenen Samen und Nüssen wie Erdnuss, Mandeln oder Sesam füllen. Das scheint mir der perfekte Abschluss für unser Streetfood-Mahl hier in Nampo zu sein, und mit ein bisschen Geduld kriegen auch wir einen der Hotteok. Er wird, etwas ungewöhnlich, in einem Pappbecher als Essgefäß gereicht, aus dem man sonst wohl eher Filterkaffee trinken würde.

Essen bedeutet in Südkorea, wie in vielen anderen Ländern, vor allem: Miteinander. Ob Freunde, Familie oder neue Bekanntschaften - hier auf den Märkten kommen Menschen zusammen, um zu essen, aber auch um einander zu sehen und Gemeinschaft zu erfahren. So wie Kim Brad und mich für diesen Abend mit in seine Welt nimmt, und wir Teil von ihr werden. Im Vergleich zum Restaurantbesuch in Deutschland geht es hier noch intimer und lebendiger zu. Inmitten der vielen Stände, Gerüche und Geräusche erlebe ich ständig etwas Neues. Insbesondere als Neuling ist das geradezu überwältigend.

Unser umfangreiches Abendessen

Unser umfangreiches Abendessen

Fleißige Köchinnen

Fleißige Köchinnen

Leckerer Hotteok

Leckerer Hotteok

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