Vergangener Reichtum, bleibender Ruhm - Im Tal der Könige in Luxor

aegypten
travel
Author

Alex

Published

March 5, 2026

Modified

March 5, 2026

Kurzinfo

Ankunft

Unser Tourbus hält auf einem staubigen Parkplatz, und wir steigen aus. Nach der angenehm kühlen Luft der Klimaanlage trifft uns die nachmittägliche Hitze hier wie ein Schwall. Viele Besucher bedecken sich den Kopf mit Kleidungsstücken, um sich vor der sengenden Sonne zu schützen. Wir machen uns schleunigst daran, von dem geschäftigen Parkplatz herunterzukommen und in den Schatten des flachen Eingangsgebäudes zu gelangen. Unser Tourguide Karam geht wie immer zielsicher mit schnellen Schritten voraus.

Was diesen Ort hier in West-Theben zu einem der wichtigsten Zentren altägyptischer Kultur macht, ist das sagenumwobene Tal der Könige. Von diesem hatte ich zumindest vorher nie eine genaue Vorstellung, was es eigentlich sein soll, und habe mich vor unserer Tagestour nach Luxor schändlicherweise auch nicht näher informiert. Die umliegende Landschaft ernüchtert mich kurz: Keine großen Tempel oder Pyramiden in Sicht, sondern nur weiße Felsen in der heißen Wüstenluft. In der Eingangshalle führt uns Karam zu einem Schaukasten, der auf den ersten Blick wie ein ausgebreitetes, faltiges Bettlaken aussieht. Erst auf den zweiten Blick erkenne ich, dass es eine Wüstenlandschaft darstellen soll, in der mit kleinen Fähnchen einige Punkte entlang einer grauen Straße markiert sind.

Schon seit Jahrhunderten wurden im Tal der Könige zahlreiche Grabkammern von Archäologen entdeckt und sukzessive freigelegt, wie Karam erklärt. Insgesamt mindestens 64 unterirdische Kammern wurden bisher entdeckt, und weitere werden unter der Erde vermutet. Sie stammen hauptsächlich aus der Zeit 1500 v. Chr. bis 1000 v. Chr., in der ägyptologischen Zeitrechnung das so genannte “Neue Reich” während der 18. bis 20. pharaonischen Dynastie. Also erst mal nicht viel mehr als ein Edel-Friedhof in der Wüste? Von den kleinen Fähnchen führen im Modell kleine stilisierte Tunnel nach unten, die in ihrer Gesamtheit aussehen wie das Innere eines Ameisenhügels. Die Gänge sind gesäumt von kleineren oder größeren Kammern, mal nur eine oder zwei, bei anderen Gräbern Dutzende. Hier wurden den Pharaonen großzügige Beigaben mit ins Jenseits gegeben, die ihrer hochrangigen Stellung gerecht wurden.

Hinter Karam her zum Tal der Könige

Hinter Karam her zum Tal der Könige

Schematisches Modell des Tals der Könige

Schematisches Modell des Tals der Könige

Der Weg zu den Gräbern

Als wir das Eingangsgebäude verlassen, erkenne ich die Straße vom Modell wieder: Sie verläuft in eine auf den ersten Blick relativ unspektakuläre kleine Schlucht zwischen Wüstenfelsen. Es hat hier auf jeden Fall etwas von einem Abenteuerfilm, und vielleicht spring jeden Moment Indiana Jones hinter einem der sandfarbenen Steine hervor, spektakuläre Tempeleingänge sucht man hier vergeblich, trotz der vielen einst mächtigen Männer, die hier begraben wurden. Eine einsame Straße verläuft weg von hier in die Hügel hinein und biegt dann ab, weiter sieht man nichts. Eine Flotte kleiner, offener Shuttlebusse fährt eifrig auf und ab, lädt Besuchergruppen am Eingangsgebäude ab und nimmt neu Eingetroffene mit.

Auch wir werden zur eigentlichen Anlage gefahren, worum ich ganz froh bin. Inzwischen flimmert die nachmittägliche Hitze über der Landschaft, die keinerlei natürlichen Schatten bietet, und die zahlreichen Touristen hier drängen sich an den wenigen hölzernen Unterständen, die etwas Schutz vor der gnadenlosen Sonne bedeuten. Wie es hier im ägyptischen Hochsommer sein muss, mag ich mir gar nicht erst ausmalen.

Das Entscheidende spielt sich Gott sei Dank unter der Erde ab. Hier und da entlang des Weges verschwinden steinerne Treppen unter dem Felsen, die zu den zahlreichen Grabkammern führen. Einige scheinen geschlossen zu sein, an anderen bilden sich Schlangen aus Besuchern.

Grab Ramses III.

Karam führt uns zu einigen der Grabkammern, die er besonders interessant findet. Das Grab von Ramses III., einem König der 20. Dynastie, wissenschaftlich KV11 genannt, ist das größte, das wir auf unserer Tour besichtigen, und eines der größten im Tal der Könige überhaupt. Im Gänsemarsch geht es hinter anderen Besuchern einen langen Gang entlang und wir betrachten die zahlreichen farbenfrohen Hieroglyphen. Das Grab bietet einen Anblick, der so typisch für das alte Ägypten steht wie sonst nur Pyramiden und die Sphinx: Dunkle Gänge in tiefe Felsen hinein, gesäumt von mit Hieroglyphen übersäten Wänden, die geheimnisvolle Geschichten erzählen, und kleine Kammern mit wertvollen Grabbeigaben. Die Wände sind stimmungsvoll von dezenten Lampen angestrahlt, sodass man die Bilder von Göttern, Menschen und Tieren gut erkennen kann.

Wie muss es gewesen sein, als Forscher vor über zweihundert Jahren begannen, diese Gemäuer freizulegen, und hier Meter für Meter auf diese unglaublichen Kunstwerke zu stoßen? Welche Geheimnisse mögen diese Wände für die Menschen geborgen haben, die sie nach Jahrtausenden zum ersten Mal erblickt haben? Heutzutage sind die meisten Inschriften hier übersetzt und interpretiert, aber für mich ist das hier nur eine fantastische Bildsprache.

Der lange Gang mündet in einem größeren, von massiven Säulen getragenen Raum, von dem aus eine lange Rampe nach unten zur eigentlichen Grabkammer führt. Wir betrachten eine Weile die farbenfrohen Darstellungen hier, freilich ohne auch nur ansatzweise zu verstehen, was sie bedeuten, und folgen der langen Holztreppe nach unten. Wer jetzt hier den Pharao höchstpersönlich erwartet, ist jedoch schief gewickelt: Schon in der Antike wurden im Tal der Könige die meisten Gräber wieder geöffnet, da sich herumgesprochen hatte, mit welchen Schätzen viele der Pharaonen bestattet wurden. Von der Erhaltung historischer Stätten hielt man leider nicht besonders viel, von persönlicher Bereicherung schon. So verschwanden viele dieser Schätze im Laufe der Zeit, später auch in europäische Museen und Sammlungen, oder wurden für ihre wertvollen Materialien unwiederbringlich zerstört. Die Mumie Ramses III. selbst ist über Umwege im Nationalmuseum in Kairo gelandet. Ein weit weniger rühmlicher Umgang mit dem Erbe eines großen Herrschers, als es ihm vielleicht gebührt hätte.

Das Tal von außen

Das Tal von außen

Gang in das Grab Ramses III.

Gang in das Grab Ramses III.

Göttermotive im Grab

Göttermotive im Grab

Reich beschriftete Kammer und Abgang zur Grabkammer

Reich beschriftete Kammer und Abgang zur Grabkammer

Grab des Tutenchamun

Das wohl bekannteste Grab im Tal der Könige ist das des Tutenchamun, der hier im Jahr 1323 v. Chr. bestattet wurde. Sein Grab, mit wissenschaftlichem Namen KV62 genannt, ist weder besonders groß noch viel schöner gestaltet als andere. Was es so besonders macht, ist, dass es bei seiner Entdeckung im Jahr 1922 durch den britischen Forscher Howard Carter noch quasi unberührt war, und sich hier keine Grabräuber bedient hatten. Ein großes Medienecho begleitete fast von Anfang an die Grabungsarbeiten, und die Öffentlichkeit hatte ein fast schon hysterisches Interesse an allem, was Carter und sein Team zutage förderten. Das bald aufkommende Gerücht um den Fluch des Pharao, der die Forscher angeblich heimsuchte, ist heute zwar weitestgehend widerlegt, die Faszination hat jedoch überdauert.

Wir steigen eine schmale, steile Treppe hinab in die vergleichsweise kleine Kammer, in der Tutenchamun begraben liegt. In seinem Fall ist der Präsens sogar angebracht, denn tatsächlich kann man den Pharao persönlich begutachten. In einer Glasvitrine liegt die ausgewickelte Mumie. Der größte Teil ist abgedeckt von einer weißen Decke, nur der Kopf und die Füße schauen heraus. Tutenchamuns Gesichtszüge sind überraschend gut zu erkennen, von der pechschwarzen Haut mal abgesehen, scheint der kleine Kopf mit den kantigen Konturen noch keine dreieinhalbtausend Jahre tot zu sein. Es ist ein geradezu surrealer Anblick, und gemeinsam mit der bedrückenden Enge und der überraschend warmen Luft hier unten stellt sich ein beklemmendes Gefühl ein. Der Gedanke an den Zeitraum, den die Mumie hier in völliger Dunkelheit und Vergessenheit verbracht haben mag, lässt mich schaudern.

Die zahlreichen bunten Darstellungen von Pavianen, Göttern und Pharaonen in der Grabkammer wirken so strahlend und frisch, als hätte man sie erst vor Kurzem an die Wände gemalt. Welche handwerkliche Kunstfertigkeit in ihnen und der Mumie steckt, kann ich mir fast nicht vorstellen.

Trotzdem gestehe ich mir widerwillig ein, dass diese Kammer wohl tatsächlich vergleichsweise unspektakulär ist, im Vergleich zu der des Ramses III.. Ihre Berühmtheit liegt weniger in ihren Dimensionen oder den Leistungen des Tutenchamun zu Lebzeiten, zumal er ja schon mit gut zwanzig Jahren gestorben sein soll. Das Besondere an diesem Ort sind die mystische Geschichte seiner Entdeckung und der Umstand, dass er, versteckt unter einem benachbarten Grab, über Jahrtausende von den Grabräubern fast unberührt blieb. Ein glücklicher Zufall der Geschichte also.

Schild

Schild

Steiler Abgang zur Grabkammer des Tutenchamun

Steiler Abgang zur Grabkammer des Tutenchamun

Mumifizierter Leichnam des Tutenchamun

Mumifizierter Leichnam des Tutenchamun

Darstellungen von Pavianen in der Grabkammer

Darstellungen von Pavianen in der Grabkammer

Fazit

Eines geht mir durch den Kopf, während wir im Shuttle auf dem Weg zurück zum Eingang schaukeln: Tutenchamun war kein besonders herausragender König, und dennoch kennt heutzutage jeder Besucher seinen Namen. Man ist bereit, einen stolzen zusätzlichen Betrag zu bezahlen, um sein Grab zu betreten. Ramses III. hingegen mag heute in der Fachwelt ein Begriff sein, ich habe jedoch vorher nicht von ihm gehört, trotz seiner dreißigjährigen Regierungszeit. Die Reichtümer, mit denen er begraben wurde, haben sich wie sein Gedenken im Lauf der Geschichte größtenteils verloren. Auch der größte Ruhm hält nicht ewig, und hängt nicht allein an irdischen Besitztümern und Leistungen. Manchmal überdauert, was nie die Absicht dazu hatte, und manchmal vergeht, was nicht dazu bestimmt war.


Newsletter

Um immer auf dem Laufenden zu bleiben, kannst du dich gerne bei meinem wöchentlichen Newsletter registrieren. Dann bekommst du ein Update, sobald ein neuer Post online ist :)