Einführung
Wer hier regelmäßig mitliest, lernt viel über die schönen Erlebnisse und Freuden, die sich einem beim Reisen bieten können. Dennoch gibt es natürlich auch negative Aspekte, die man nicht komplett ausblenden darf. Ich spreche in diesem Artikel ein bisschen darüber, was mich manchmal stört, und über negative Begleiterscheinungen. Dabei spreche ich hier vor allem von längeren Trips mit dem Backpack, als von einem Urlaub von wenigen Tagen oder Wochen, obwohl manche der folgenden Punkte auch für diese gelten.
Kosten
Fast nichts im Leben ist umsonst, auch das Reisen nicht. Flug, Unterkunft, Verpflegung und das Visum - all diese Dinge kosten viel Geld, und eine der wichtigsten Fragen, die sich jemandem stellt, bevor er die Koffer packt und aufbricht, ist die nach dem Budget. Ich habe zwar schon davon geschrieben, wie man diese Kosten reduzieren und vermeiden kann, zum Beispiel durch gute Planung und eine Anpassung des eigenen Lebensstils unterwegs, aber ganz weg geht dieses Problem natürlich nie. Ich muss im Alltag durchaus Abstriche machen, um den nächsten Trip machen zu können, und kann oder will mir andere Dinge, wie ein eigenes Auto, deshalb nicht leisten. Am Ende ist das eine Frage der Prioritäten, aber wer auch Zuhause nicht auf alles verzichten möchte, sieht sich bisweilen vor schwierige Entscheidungen gestellt und muss Nachteile in Kauf nehmen.
Daneben kann man zwar das benötigte Budget durch einen sparsamen Lebensstil unterwegs reduzieren, aber das kann dazu führen, dass man auch auf seinem lang ersehnten Trip Kompromisse eingehen muss. Schon oft habe ich Sehenswürdigkeiten ausgelassen oder statt im Restaurant mein Essen im Supermarkt gekauft, weil meine Reisekasse nicht mehr hergegeben hat. Das mag mich persönlich meistens nicht stören, kann aber bei anderen die Freude am Reisen trüben.
Fernab von Zuhause
Selbst wenn man unterwegs die tollsten Sachen erlebt, geht das Leben daheim für alle anderen ganz normal weiter. Das ist völlig klar und erwartbar, aber was das tatsächlich bedeutet, wurde mir selbst erst klar, als ich selbst länger unterwegs gewesen bin. Freunde verlassen den eigenen Heimatort, ohne dass man sich richtig verabschieden konnte. Tolle Familienfeste finden ohne einen statt, und man verpasst die besonderen Momente, die einen mit seinen Liebsten zusammenschweißen. Je älter ich werde, desto mehr merke ich, dass man Freundschaften und familiäre Verbindungen aktiv pflegen muss, damit sie halten. Da kann eine längere Abwesenheit schon mal einschneidend sein.
Nach einem längeren Backpacking-Trip durch Australien nach dem Abitur kam ich erst kurz vor Beginn meines anschließenden Studiums zurück. Viele meiner Schulfreunde lebten bis dahin in anderen Städten, haben Zuhause viel zusammen erlebt, und ich war nicht Teil dieser besonderen Erinnerungen. Dazu kam, dass es dann natürlich schwieriger war, regelmäßig Kontakt zu halten, nachdem sie nicht mehr dort waren, und jeder seinen Lebensmittelpunkt woanders hin verlegt hatte. All das bekam ich unterwegs nur am Rande über soziale Medien oder gelegentliche Telefonate mit, was natürlich kein Ersatz ist.
Lebensplanung
Karriere, Kinder, Eigenheim - viele dieser Dinge sind Bestandteile der eigenen Lebensplanung, mit denen man sich irgendwann mal auseinandersetzen muss. Was ist mir langfristig wichtig, um glücklich zu werden, und wie ist das miteinander vereinbar? Auch wenn ich selbst eigentlich ein relativ normales Leben führe, und mir das Reisen dann erlaube, wenn es gut reinpasst, müssen Leute, die das Traveln zu ihrem Lebensstil machen, schwierige Entscheidungen treffen. Nicht jede Liebesbeziehung überlebt eine ständige Trennung auf die Dauer, und einen Kredit für ein Haus abzubezahlen, wenn man ständig unterwegs ist und kein zuverlässiges Einkommen hat, ist selbstverständlich auch nicht immer möglich. Dann stellt man sich natürlich zu Recht die Frage, welche Priorität das Reisen hier einnimmt. Auch wenn es schmerzhaft ist, kann es einen auf die Dauer so glücklicher machen, zu verzichten und sich auf etwas anderes zu konzentrieren. Diese Entscheidung nimmt einem leider keiner ab.
Nachhaltigkeit
Besonders in den letzten Jahren hat das Thema Nachhaltigkeit beim Reisen zunehmend an Bedeutung gewonnen. Nicht nur in der öffentlichen Diskussion, auch ganz persönlich bei mir selbst. Ist ein ersehntes Reiseziel wirklich einen extrem umweltschädlichen Langstreckenflug wert? Sind die sich auftürmenden Müllberge in vielen Touristenorten wirklich ein Problem, das mich nichts angeht? Ist es richtig, dass Einheimische sich Mieten in beliebten Städten nicht mehr leisten und das Leben nicht mehr richtig genießen können, weil Reisende ihre Heimat überschwemmen? Das alles zu ignorieren, ist sicher möglich, aber nicht einfach, und vermutlich auch nicht sinnvoll.
Auch ich habe schon mehrfach Orte und Erlebnisse deshalb ausgelassen. Aber auch so kann ein schlechtes Gewissen ständiger Reisebegleiter sein. Selbst wenn man seinen Reisestil so weit anpasst wie möglich, wenig per Flugzeug reist und die großen Touristen-Hotspots meidet, muss einem klar sein, dass man einem sehr privilegierten Kreis angehört. Am Ende des Tages wird man als Reisender fast immer einen deutlich größeren Anteil an negativen Begleiterscheinungen wie Umweltzerstörung und Gentrifizierung haben, als jeder andere, der verzichtet.
Eindrücke und Abstumpfung
Ganz besonders wenn man lange unterwegs ist, kommt man früher oder später an den Punkt, an dem neue Erlebnisse nicht mehr so beeindrucken werden wie zu Beginn. Sightseeing und spannende Aktivitäten werden irgendwann so selbstverständlich, wie jeden Tag zur Arbeit ins Büro zu gehen. Und manchmal genauso anstrengend und beinahe nervig. Dieses Phänomen habe ich schon am eigenen Leibe erfahren. Bei den ersten Osterprozessionen während der Semana Santa im südspanischen Andalusien, die ich besuchte, war ich fasziniert von den prunkvollen Schreinen und unheimlichen Kutten der Teilnehmer. Nach der fünften habe ich mich eher geärgert, wenn ich mal wieder nicht durch eine Straße konnte, weil sie von einer Parade blockiert wurde.
Aber auch Langzeitreisende berichten von dieser sogenannten Travel Fatigue. Und das ist natürlich echt schade, da man ja viel Zeit und Geld investiert und sich doch mal so auf seine Reise gefreut hat. Es gibt Mittel und Wege, um ihr vorzubeugen. So plane ich mir mittlerweile nach Möglichkeit lieber weniger Ziele ein, und nehme mir immer mal wieder bewusst einen Tag Pause ohne irgendwelches Programm. Da der eigene Urlaub ja begrenzt ist, ist das als Tourist nicht einfach, als dauerhafter Nomade hingegen ist das sicher nicht so schwierig und auch ratsam.
Außerdem haben die zunehmende Präsentation der eigenen Erlebnisse in sozialen Medien zu teilweise überhöhten Erwartungen geführt, denen die Realität oft nicht gerecht wird. Dass Traveln nicht so ist, wie auf Instagram gezeigt, mag für Viele keine große Überraschung sein. Aber eine gewisse Enttäuschung hat sich bei so manchem sicher schon eingestellt, sobald man vor weltbekannten Wahrzeichen steht, und sie doch nicht so leuchtend und unglaublich sind, wie angenommen. Allein die Flut an Posts nimmt dem Reisen einiges von seinem Zauber, da kaum noch etwas wirklich neu und besonders ist.
Fazit
Auch wenn ich keinem auf einem Reiseblog vom Reisen abraten würde: Die negativen Aspekte nicht auszublenden, und sich klarzumachen, dass nicht immer alles eitel Sonnenschein ist, kann einen vor Enttäuschungen bewahren und Probleme vermeiden. Das Beste ist wohl, sich ernsthaft damit auseinanderzusetzen und realistische Erwartungen zu haben. Reise nicht weniger - sondern bewusster, und mach dir klar, was du erleben und erreichen willst.