Kurzinfo
- Zeit: Februar 2026
- Ort: Karnak-Tempel, Luxor, Ägypten
Ankunft in Luxor
Es ist schon beeindruckend, wie schnell die Landschaft sich wandelt. Nachdem wir die letzten paar Stunden durch eine nicht enden wollende Wüste aus Sand und Geröll gefahren sind, zeichnet sich am morgendlichen Horizont plötzlich ein grüner Streifen mit einer Reihe hoher Bäume und Palmen vor dem verdunkelten Fenster des Kleinbusses ab. Das östliche Nilufer erwächst vor meinen Augen wie eine Oase in einem Abenteuerfilm, ein Streifen triefenden Lebens nach dieser, zumindest dem Augenschein nach, so leblosen Mondlandschaft, die den größten Teil des Landes bedeckt. Felder mit schilfartigen Pflanzen in sattem Grün, die sich über viele Hektar erstrecken, tauchen links und rechts von der staubigen Straße auf. Unser Tourleader Ibrahim erklärt uns, dass hier eines der Hauptexportgüter Ägyptens, Zuckerrohr, angebaut wird. Fleißige Leute, zum Schutz vor der Sonne in Tücher gewickelt, werkeln an den Pflanzen herum, schneiden hier Blätter ab und graben dort in der nassen Erde.
Wir fahren von Nordosten hinein in die Stadt Luxor, und der morgendliche Berufsverkehr nimmt schnell zu. Die verkehrsreiche Straße führt zum Ufer des Nils, ruhig und erhaben fließt die Lebensader Ägyptens an diesem Morgen an uns vorbei. Es sind einige Touristenfähren und Flusskreuzfahrtschiffe zu sehen, allzu viel los ist aber noch nicht, die meisten Fahrzeuge sind am Ufer vertäut und warten auf ihren Einsatz. Das Ziel unserer Fahrt befindet sich etwas nördlich der Stadt Luxor, sodass wir dem größten Verkehr im Zentrum der Stadt, Amun-Re sei Dank, noch entgehen.
Erste Eindrücke des Tempels
Der Karnak-Tempel befindet sich etwa zweieinhalb Kilometer nördlich der Innenstadt von Luxor am östlichen Nilufer. Auf dem weitläufigen Parkplatz warten Reihe an Reihe trotz der relativ frühen Stunde bereits hunderte gleich aussehender Kleinbusse. Vermutlich machen die meisten hier eine identische Luxor-Tagestour zu unserer. Dem Gegenüber drängen sich einige Souvenirstände, vor denen sich Verkäufer und einige Touristen tummeln. Ibrahim lässt uns aussteigen und übergibt uns direkt in die Hände unseres heutigen Tourguides Karam, einem untersetzten Mittfünfziger, der wie ein netter Großvater wirkt. Trotz der zunehmenden Wärme trägt er einen ordentlichen blauen Wollpullover und lange Jeans. Schnell begrüßt er uns und führt uns durch das geschäftige Getümmel in Richtung des flachen Eingangsgebäudes zum Tempel, während unser Van sich zu den vielen anderen gesellt.
In der Eingangshalle müssen wir zunächst durch eine Sicherheitsschleuse wie am Flughafen, samt Taschenkontrolle und einer Durchsuchung mit dem Metalldetektor. Wir halten die Strichcodes unserer Tickets an Scanner und gehen durch Drehschranken wie an einer Metrostation, und sind endlich in der weitläufigen Eingangshalle der Stätte angelangt. Links werden lebensgroße Modelle von ägyptischen Booten aus der Pharaonenzeit präsentiert, reicht verziert mit Götterfiguren und Goldornamenten. Schließlich hält Karam an einem großen Modell der historischen Anlage an.
Sie scheint einmal gewaltig gewesen zu sein, wie eine richtige Stadt, und war und ist die größte Tempelanlage des alten Ägypten. Sie wurde vor gut viertausend Jahren begonnen und über zweitausend Jahre hinweg erweitert und umgebaut. In jener Zeit war Luxor die Hauptstadt des Reiches, und Karnak wurde zum Zentrum des damaligen Glaubens vor allem um den Gott Amun-Re. Er ist in der altägyptischen Mythologie eine Verschmelzung des thebanischen Reichs- und Schöpfergottes Amun mit dem Sonnengott Re, zudem ein Herr der Fruchtbarkeit. Ganz schön viele Aufgaben, selbst für einen Überirdischen. Der größte Teil der Anlage ist daher der ihm gewidmete Tempel, dessen Zentrum eine ganze Reihe von Gebäuden entlang einer schnurgeraden Achse bildet. Darum verteilen sich viele andere kleinere Tempelgebäude und künstlich angelegte Teiche. Zahlreiche Gedenkstätten, die teilweise auch anderen Gottheiten geweiht sind, wurden immer wieder neu gebaut und erweitert, bis in die römische Zeit nach Christi Geburt hinein. Von der im Modell gezeigten stadtähnlichen Anlage steht heute längst nicht mehr alles, aber immer noch ein beeindruckend großer Teil, sodass unsere Stunde hier wohl nicht annähernd reichen wird, alles zu besichtigen.
Wir gehen weiter ins Freie, folgen dem stetigen Strom an Besuchern und müssen im Gewimmel aufpassen, Karam nicht zu verlieren, der in doch recht strammem Schritt voraus eilt. Eine kurze Pause legt er dann doch ein, um uns von einem hübsch blühenden Strauch am Wegesrand ein paar Zweige abzuschneiden. Obwohl mir der Geruch vertraut ist, komme ich nicht darauf, dass es sich um Basilikum handelt. Der italienisch anmutende Duft kommt mir hier doch eher unerwartet, warum, kann ich selbst nicht sagen.
Der Eingangsbereich zum Tempel des Amun-Re wirkt eher wie eine Kulisse aus Game of Thrones: Eine stolze Reihe von einem Dutzend Sphinxen, diese mit dem Kopf eines Widders statt eines Menschen, säumt links und rechts den mit sandfarbenen Steinplatten ausgelegten Hauptweg. Er läuft schnurgerade auf einen bestimmt dreißig Meter hohen Durchgang aus massiven Steinmauern zu, der einmal mit einem ebenso großen vergoldeten Tor versehen gewesen sein soll, das nur ein mal im Jahr für eine besondere Prozession für den Pharao geöffnet wurde. Jetzt gehen dort jede Minute hunderte Touristen hindurch, um den Tempel zu erkunden. Das jetzt schon herrschende allgegenwärtige Gedränge muss in der Hauptsaison unerträglich sein.
Hypostyl
Der große Vorplatz hinter dem Eingangsbereich beherbergt einige flache Gebäude und die Überreste zahlreicher Statuen. An den teilweise haushohen Wänden sind filigrane Hieroglyphen geschrieben. Die Darstellungen zeigen auffallend oft einen Mann mit hohem Kopfschmuck, der von einem anderen Mann mit nicht ganz so hohem Kopfschmuck einen Gegenstand präsentiert bekommt, sei es eine Pflanze, eine Schatulle oder etwas Undefinierbares. Oft betrachtet eine dritte Gestalt, mal mit einem Vogelkopf, mal einem anderen Kopfschmuck, die Übergabe. Es handelt sich, wie uns Karam erklärt, um Opfergaben der Pharaonen an die Götter.
Hinter dem Vorplatz befindet sich einer der größten und bekanntesten Orte des Karnak-Tempels: Der Hypostyl, ein sechstausend Quadratmeter großer Säulensaal, der bis auf die Decke in sehr gutem Zustand erhalten wurde. Nach den riesenhaften Gemäuern zuvor lässt er uns endgültig den Mund offen stehen. Bis zu einundzwanzig Meter erstrecken sich die massiven, über und über mit Hieroglyphen beschrifteten Rundsäulen, die verschiedene Episoden aus dem Leben der Pharaonen und Götter darstellen. Wie ein steinerner Urwald aus mächtigen Stämmen wandelt der Besucher hier durch und kann sich leicht verlieren. Ich mag mir nicht ausmalen, wie die Menschen damals auf solch einen Anblick reagiert haben mögen, er führte ihnen sowohl die Macht der Pharaonen als auch der Götter wohl unübersehbar vor Augen. Selbst heute fühlt man sich, auch inmitten der Besucherströme, hier klein und nebensächlich. Besonders ausführlich erläutert uns Karam die Episode um die königlichen Opfer an den Fruchtbarkeitsgott Amun-Re, die an die Darstellungen außen erinnern. Amun-Re wird an vielen Säulen mit nur einem Arm und Bein, aber dafür stolz erigiertem Penis dargestellt, was seine Rolle als Gott der Fruchtbarkeit verdeutlichen soll.
Auffallend oft sind die Gesichter, und in den allermeisten Fällen auch das prächtige Gemächt aus dem Gestein herausgekratzt worden. Karam erklärt mir auf Nachfrage, dass hier wohl die eher prüden koptischen Christen am Werk waren, die nach der Hochphase der alten Ägypter den Karnak-Tempel als Kirche genutzt haben, und für solche Darstellungen natürlich nicht viel übrig hatten. Daneben haben natürlich auch der Zahn der Zeit, und die politische Auslöschung vergangener Könige, ihre Spuren hinterlassen. Jedoch bin ich wirklich beeindruckt, wie detailreich und klar hier Geschichte bis heute lebendig wird. Zwischen den Hieroglyphen finden sich auch Unterschriften mit europäischen Namen aus dem neunzehnten Jahrhundert. Schon damals fanden es wohl einige Touristen unverzichtbar, hier ihre Anwesenheit zu verewigen.
Obelisken & Thutmosis-Tempel
Hinter der Hypostyl-Halle präsentieren sich zwei stolze Obelisken, die die Jahrtausende überdauert haben, und zu den größten noch stehenden des Alten Ägyptens gehören. Einige weitere, die hier mal gestanden haben, wurden erst in neuerer Zeit zerstört oder befinden sich heute in Rom. Nach den Griechen und Römern in der Antike und den Christen sind auch die europäischen Kolonialherren mit den reichen Schätzen des alten Ägyptens aus heutiger Sicht fragwürdig umgegangen. Karam erläutert uns, unter welchen Aufwänden die Obelisken aus einem einzigen Granitblock geschaffen und, per Boot, hier her geschaffen wurden. In ein vorbereitetes, mit Erde gefülltes Gemäuer wurden die Steinkolosse von Menschen- und Tiereskraft hineingehievt und befestigt. Sobald sie stabil waren, entfernte man die Außenwände und das Füllmaterial, um sie frei stehen zu lassen.
Am Ende der Achse vom Eingang durch die Hypostyl-Halle befindet sich ein weiteres Gebäude, der Tempel Thutmosis III., der bestimmten religiösen Riten vorbehalten war, Er durfte von niemand anderem als dem Pharao persönlich betreten werden. Zwei mal im Jahr ist er auch heute noch Schauplatz eines besonderen Naturschauspiels: Zur Sommer- und Wintersonnenwende scheint die Sonne bei ihrem Aufgang genau durch den Eingang und die Hypostyl-Halle bis zu diesem Punkt, was auf dem Bildern von Karam wie ein umwerfender Anblick wirkt, den wir heute leider nicht mit eigenen Augen bestaunen können. Natürlich ist dies kein Zufall, sondern sorgfältige Planung kundiger ägyptischer Baumeister. Hier kommt die Rolle des Tempels noch mal wunderbar eindrucksvoll zum Ausdruck: Die Berührung des Überirdischen mit dem Irdischen, die Schnittstelle zwischen Gott und Pharao als höchster König auf Erden, der sich hier ausnahmsweise mal unterordnet.
Was bleibt
Auch wenn wir nach dem Besuch auf dem Weg zum Parkplatz durch Souvenirstände und rufender Verkäufer schnell wieder in hiesige Sphären katapultiert werden, hat der Tempel bei mir einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Die technischen Fähigkeiten und der Aufwand, die in seine Erbauung geflossen sein müssen, suchen wohl für die damalige Zeit, und auch heute, ihresgleichen. Welche Ressourcen müssen hier über Jahrtausende aufgewandt worden sein, um einen Berührungspunkt mit den Göttern zu schaffen? Mit welchen gewaltigen Eindrücken wurde hier jedem seine Rolle in der damaligen Gesellschaft vor Augen geführt? Selbst ich kleiner Tourist, der nicht gläubig ist, kann bis heute diese Aura noch fühlen.












