Kurzinfo
- Zeit: Juli 2026
- Ort: Umbalkees, Osttirol, Österreich
Glitzernd spiegeln die Sonnenstrahlen sich am Rand meines Weißbierglases, als wollte es mir zuzwinkern und sagen: Das hast du dir redlich verdient. Jetzt zur Mittagszeit scheint das Licht auch in das enge Tal problemlos hinein und erleuchtet alles um mich herum in wohliger Wärme. Mein nasser Rücken unter dem verschwitzten Polyesterhemd trocknet so schnell, dass ich es geradezu spüren kann. Eine frische Brise weht mir um die Nase. Sie trägt den Duft nach blumigen Bergwiesen mit sich, die sich an den Hängen links und rechts von mir in frischem Grün erheben, gesprenkelt von grauem Gestein. Darüber ein fast wolkenloser blauer Julihimmel. Darunter murmelt munter das blaugraue Wasser der Isel, aufgewühlt und schaumig von ihrem schnellen Lauf. Der dicke klebrige Schaum benetzt meine Lippen, als ich das Glas an meinen Mund führe, ehe das kühle, malzige Weißbier meine ausgedörrte Kehle hinunter rinnt. Satt und karamellartig umschmeichelt die köstliche Erfrischung meinen Hals, und ich spüre, wie neue Energie mich durchfährt. Das Leben kann so schön sein.
Das Umbalkees
Ein kühles Getränk am Ende einer Wanderung ist einfach etwas ganz Besonderes. Mein heutiger Tourabschnitt entlang des Lasörling-Höhenweges im Hohen Tauern in Osttirol ist nicht allzu lang und anstrengend gewesen. Trotzdem habe ich das Gefühl, etwas geschafft und das Bier verdient zu haben. In ungefähr drei Stunden bin ich den letzten vollen Abschnitt des Weges von der Neuen Reichenberger Hütte hierher zur Clarahütte gelaufen. Da Wanderer Frühaufsteher sind, bin ich schon kurz vor 8 Uhr aufgebrochen. Dementsprechend ist es jetzt erst Mittags, und ich habe nicht vor, den Rest des Tages hier in der Alpensonne herumzuliegen, so verlockend es auch ist. Die Hummeln in meinem Hintern treiben mich weiter an. Die Isel ist hier noch klein und behände, weil sie nur ein paar Kilometer oberhalb der Clarahütte überhaupt erst entspringt. Ihr Ursprung soll das Ziel meines heutigen Nachmittags sein, beschließe ich schnell. Denn ihr Geburtsort ist nicht irgendeine unauffällige Spalte in einem Felsen, sondern das Umbalkees. Was klingt wie ein geheimnisvolles Fabelwesen, ist ein Gletscher hier in den Tiroler Alpen auf 2500 Metern. Sein unteres Ende ist von der Hütte aus in ein paar Stunden gut zu erreichen. Ich trinke gemütlich mein Weißbier aus, lade den größten Teil meines Gepäcks in der Hütte ab und breche auf.
Weg ab der Clarahütte
Weit komme ich erst mal nicht, denn nur ein paar Meter oberhalb der Hütte halten mich ein paar Tafeln auf, die über die Geschichte des Gletschers aufklären. Auch hier oben in den Bergen Österreichs ist der Klimawandel natürlich angekommen. Wäre ich vor ein paar Jahrzehnten hier gewesen, wäre meine Wanderung deutlich kürzer ausgefallen, doch hat die zunehmende Schmelze das Umbalkees immer weiter verkleinert. Allein seit 1990 hat sich der Gletscher um mehr als 700 Meter zurückgezogen. Klimaforscher gehen davon aus, dass schon bis Mitte unseres Jahrhunderts viele Gletscher der Alpen verschwunden sein werden. Auch dieser könnte sich deutlich verkleinern. Also sollte ich mich glücklich schätzen, ihn heute noch bewundern zu dürfen, auch wenn ich ihn mir schon verdienen muss.
Der Weg ist aber leicht zu finden: Immer an der Isel entlang laufe ich einen leichten Anstieg empor und genieße dabei den Ausblick auf die Hänge oberhalb des Tales, die einem romantischen Heimatfilm entsprungen sein könnten. Hin und wieder muss ich kleine Wasserläufe überqueren, von Stein zu Stein hüpfend, beinahe wie in einem Spiel. Viele dieser doch sehr stattlichen Felsbrocken können gut und gerne vor vielen Jahren von eben dem Gletscher, den ich besuchen möchte, hierhergeschoben worden sein. Am Ende des Tales sehe ich jetzt schon einen steinernen Berggipfel, der oben mit einer weißen Schneekuppe bedeckt ist. Das könnte auch schon mein Ziel sein. Doch bis dahin ist es noch ein ganzes Stück.
Durch die Ziegen
Als ich nach einer Stunde eine kleine Pause einlege, um ein paar meiner mitgebrachten Müsliriegel zu futtern, bemerke ich zwischen zwei Felsen eine Bewegung. Etwas erschrocken schaue ich in die Richtung, wo sich eine recht große Gestalt zu verbergen scheint. Ich erkenne einen dunklen Kopf, der sich beim genauen Hinsehen als eine Ziege entpuppt, die da neugierig zu mir rüber schaut, vermutlich mehr an meiner Brotzeit als an mir interessiert. Neben ihr tummeln sich noch ein paar andere, in braun und schwarz gefärbt. Zwischen den Steinen sind sie trotz ihrer Größe schwer auszumachen, da sie sich perfekt in die Landschaft einfügen.
Auf dem Weg nach oben begegne ich noch vielen von ihnen in manchmal recht großen Gruppen. Manchmal ignorieren sie mich komplett und fressen weiter friedlich Gras, manchmal schauen sie mich geradezu feindselig an, soweit ich ihre Blicke interpretiere. Ich mache lieber einen Bogen um sie, falls möglich. Schließlich will ich hier oben keinen schmerzhaften Tritt oder Stoß kassieren, falls sie mich doch als unwillkommenen Eindringling betrachten.
Am Ende ihres Reviers wartet ein kurzer Steig auf mich, bei dem ich in das Gestein getriebene Metallsprossen erklimmen muss, um weiter zu kommen. Das ist selbst den Ziegen dann doch zu unzugänglich, zumindest warten am oberen Ende des Felsens keine mehr auf mich.
Oben am Umbalkees
Was dafür auf mich wartet, ist das plötzlich schon sehr nahe Umbalkees. Eine weite Ebene, die ich von unten nicht absehen konnte, erstreckt sich vor mir. Sie ist fast nur nackter Felsen, den ich schnell und problemlos durchqueren kann, durchsetzt von ein paar Sträuchern und Gräsern. Die Isel verläuft hier in zahlreichen kleinen Strömen wie in einem Delta, sie gleicht noch keinem richtigen Fluss, und man merkt, dass sie, frisch geboren, noch nicht so recht weiß, wohin. Dafür sehe ich umso deutlicher, woher sie kommt, denn bald stehe ich ganz nah bei der schneeweißen Gletscherzunge des Umbalkees. Das ergießt sich in diese Mondlandschaft hinein und gleicht von hier unten eher einer weißen Decke auf dem Gestein, aus der hier und da graue Felsspitzen herausragen. Seinen größten Teil kann ich hinter den Gipfeln nicht erkennen, wie bei einem Eisberg, nur andersherum.
Es ist ein bizarrer Anblick, so nah war ich noch nie an einem Gletscher. Vorne, wo die Isel das Umbalkees irgendwo verlassen muss, bildet eine eisblaue Front, die in ihrer leuchtenden Farbe beinahe künstlich wirkt, eine Art Ausgangsportal. Doch selbst ich als Laie kann sehen, dass hier in diesem Krater einst eine deutlich größere Eismasse gewesen sein muss, die das massive Gestein geformt hat. Der Unterschied zu den alten Fotos, die ich auf den Schautafeln am Anfang meines Weges gesehen habe, ist so erwartbar wie erstaunlich zugleich. Die strahlende Sonne, über die ich mich auf meiner ganzen Tour sehr gefreut habe, wirkt nun beinahe bedrohlich.
Ich lasse mich trotzdem auf einer Bank neben einer Wegmarkierung, die wie eine Pyramide geformt ist, nieder und packe meine restlichen Müsliriegel aus. Die Marke zeigt das Ziel meiner Tour an. Wäre ich in ein paar Jahrzehnten hier, wäre sie woanders und mein Ausblick von hier vielleicht schon ein ganz anderer. Bis dahin genieße ich ihn jedenfalls noch.




